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17.05.2011
Badische Zeitung

Stimmig, köstlich, tröstlich:
Das Burghof-Publikum ließ Ursus und Nadeschkin nach zehn Zugaben nur widerwillig gehen.
LÖRRACH. So viel dadaistischer Slapstick war selten in Lörrach. Das Programm "Zugabe" des Schweizer Komikerduos Ursus und Nadeschkin beinhaltet nichts als Klamauk, Sprachlosigkeit und das Eifern um Synchronität. Doch tut es dies derart komisch und unterhaltsam, dass die Zuschauer am Samstag im ausverkauften Burghof nach zwei Stunden Show zu Recht eine Zugabe nach der nächsten forderten.
"Wir sind doch in Deutschland?", fragt Ursus alias Urs Wehrli seine Mitspielerin Nadeschkin (Nadja Sieger) zu Beginn und fügt an: "Dann passen wir uns an." Auch Nadeschkin weiß von einer "brutalen Erwartungshaltung" im deutschen Ausland zu berichten. Wie genau die nationale Vorstellung von Unterhaltung allgemein und vom Bühnenprogramm der Eidgenossen im Speziellen aussieht, wird nicht gesagt, sondern wie alles, was auf der Tagesordnung des skurrilen Bühnenpaars steht, nur umkreist, ins Visier genommen, aber nie eingefangen.
Doch fügt Urs Wehrli an: "Das hier ist nicht unbedingt Programm für die breite Masse." Damit hat der Comedian Recht – und doch gelten die beiden heute als erfolgreichstes Schweizer Komikerduo. Seit über zwanzig Jahren stehen sie gemeinsam auf der Bühne, zusammen mit ihrem Regisseur Tom Ryser haben sie vor drei Jahren den Hans-Reinhart-Ring erhalten, der als höchste Theaterauszeichnung der Schweiz gilt. Daneben stehen der Deutsche und der Schweizer Kleinkunstpreis, der Salzburger Stier und der New York Comedy Award.
Das Programm "Zugabe" nun ist eine Zusammenstellung von Highlights aus sieben abendfüllenden Programmen, die an über 2400 Orten der Welt "von Melbourne bis Wangen im Allgäu" gespielt wurden. Gestartet werden soll mit einem Klassiker der Weltliteratur: "Schiller" von Goethe. Nach endlosen Vorabdiskussionen einigt man sich am Ende dann doch lieber auf "Romeo und Julia", das in Verona oder Venedig ("Hauptsache Spanien") spielt. Bis alle historischen und literaturwissenschaftlichen Details geklärt sind, ist das Interesse an der Liebe und an Shakespeare sowieso versandet und die Pointe der geplanten Aufführung in der Aufführung vergessen. Auch die Idee eines Spontankonzerts geht in die Hose: Zwar ist Nadeschkin als Sängerin in allen Sprachen der Welt richtig gut, aber Ursus ist leider ein einseitig begabter Schlagzeuger und trommelt die Stimme seiner Mitspielerin immer wieder kaputt. Eine Verballhornung von musikalischen Kulturklischees, die am Abend der Grand-Prix-Entscheidung besonders gut tut.
Auch sprachlich driften die beiden Schweizer immer wieder auseinander. Ihr großes Ziel ist die Gleichzeitigkeit, die sie im absurd schlichten Tanz und Synchronschwimmen oft noch erreichen. Doch die Gleichzeitigkeit im Denken und die glückende Kommunikation als ihre Frucht will sich einfach nicht einstellen. Neben den Klassikern der Sprachverfehlung (Missverständnisse und Überschneidungen, unvollendete Sätze und Silbenbrei) kriegt auch die Phrase ihr Fett weg: Gespräche wie die zwischen Arzt und Patient oder Arbeitgeber und Bewerberin führen die ganze Hohlheit einstudierter Fachsprachen und Höflichkeitsfloskeln vor.
Dabei ist wie bei jeder Bühnenschau der Rhythmus das Entscheidende – und den haben die beiden Schweizer im Blut. In dieser clownesken Choreografie, die irgendwo zwischen Samuel Beckett und Buster Keaton ihren dramaturgischen Ursprung hat, sitzt jede Bewegung, jeder Ton und jede verlorene Pointe. Das ist so stimmig, köstlich und tröstlich zugleich, dass, als am Ende das Licht angeht, den Burghof keiner so recht verlassen will. Doch Nadja Sieger kommt zur zehnten Zugabe noch einmal auf die Bühne und spricht aus, was wir alle befürchtet haben: "Jetzt kommt der Moment, wo Sie mit Ihrem Leben wieder allein klarkommen müssen."
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