Tagebuch
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14.02.2007
© Basler Zeitung

(Foto: Unser Hausregisseur startet durch!)
DAS WOCHENGESPRÄCH als e-mail-interview
von: tom ryser an: basler zeitung betreff: fliegen
«Wenn sich Bagger küssen, könnte ich weinen»
Der Basler Regisseur Tom Ryser (40) inszeniert gerne monumentale Stücke mit Baumaschinen und Helikoptern
Interview: Natalie Grob
Der Autor könnte sich vorstellen, Hausregisseur zu werden. Auch wenn es ihm eher Angst macht, fest angestellt zu sein.
baz: Herr Ryser, Sie sind ausgebildeter Schauspieler. Weshalb haben Sie in den letzten Jahren fast nur noch Regie geführt?
tom ryser: Ich sage einfach zu gerne selbst, wo es lang geht und das ist in der Regie einfacher. Die Lust zu spielen ist aber immer noch da. Zum Ärger meiner Schauspieler, weil ich ihnen dann immer alles vorspielen will.
Weshalb arbeiten Sie normalerweise nicht an Schauspielhäusern?
Normalerweise gibt es nicht. Ich arbeite gerne auch an Schauspielhäusern › siehe «Sekretärinnen». Aber viele Projekte, die ich mache, passen einfach nicht auf eine klassische Bühne. Manchmal brauche ich einfach zu viel Platz und zu viele Leute. Ich arbeite sehr gerne mit riesigen Gruppen. So habe ich Ballett mit Helikoptern und Baumaschinen gemacht. Bagger sind tolle Schauspieler und wenn sich Bagger küssen, könnte ich weinen. Aber sie sind einfach zu schwer für eine klassische Bühne. Und die Helikopter verheddern sich gerne im Schnürboden. Mit Ursus und Nadeschkin arbeiten wir einfach zu langsam. Wir brauchen mindestens 20 Probewochen bis zu einer Premiere und das geht an einem Schauspielhaus nicht. Aber wir spielen an Schauspielhäusern. Im März auch wieder in Basel mit «Weltrekord». Und mit dem Staatstheater Kassel habe ich eine sehr wilde Produktion draussen gemacht: «Wirrklichkeit».
Würden Sie gern mal fest an einem Theater als Hausregisseur angestellt sein?
Hausregisseur? Ja! Fest angestellt? Das macht mir inzwischen allerdings eher Angst. Ich geniesse meine Freiheit. Aber auf eine kontinuierliche Arbeit an einem Haus habe ich extrem Lust!
Wie kommen Sie an ein Stück?
Das ist meistens ein langer Prozess. Grundsätzlich entwickle ich gerne selbst. (Es gibt Themen, die mich schon mein halbes Leben begleiten › zum Beispiel die Chaostheorie. Das heisst der Versuch, Muster und Mechanik dieser Welt zu verstehen.) Aus einem Gefühl entsteht aus Versehen irgendwo eine Idee, die ich dann mit mir herumtrage. Einige Ideen vergesse ich wieder, die waren dann nicht so wichtig, und andere klopfen regelmässig bei mir an und wollen weitergedacht werden. Manchmal träume ich auch ein Bild oder eine Situation, die mich nicht mehr loslässt. Irgendwann, manchmal Jahre später, ist eine Idee so weit, dass sie zu einem Projekt wird. So ist zum Beispiel aus der Familie Schroffenstein von Kleist «Outlander › Fremdgehen mit Kleist» (im Foyer Theater Basel 2000) entstanden.
Welche Art von Theater mögen Sie?
Ich liebe den Crossover. Spartenblinde Projekte, die nicht nur in einer Ecke zu Hause sind, sondern die Mittel einsetzen, die nötig sind, um die Idee fliegen zu lassen. Die Form spielt dann keine Rolle. Egal, ob das Tanz, Tragödie, Schauspiel, Oper, Zirkus, Fussball, Varieté, Ballett, Komödie, Volkstheater, politische Debatte oder eine Predigt ist. Ich bin ein Adrenalinjunkie. Ich liebe den Rhythmus und das Tempo. Immer mehr merke ich, dass man auch mit Wörtern tanzen kann. Und umgekehrt. Ich mag wildes Theater, eigenwilliges Theater, unterhaltendes Theater. Theater, von dem ich nachts noch träume. Immer, wenn ich sehe, dass eine Truppe für ihre Idee brennt und genau weiss, warum sie das tut, was sie tut, gehts mir gut. Diese gerade Energie ist so befreiend und wunderschön.
> Fortsetzung morgen

