Ursus & Nadeschkin

Tagebuch

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26.01.2006

Was meint die Presse?

Was meint die Presse?

Brillant: Ursus & Nadeschkin auf der Suche nach ihrem «Weltrekord».
(Foto: Tom Kawarra)

© Aargauer Zeitung / MLZ; 26.01.2006
(von Stefan Worminghaus)


Besonders besonders

Ursus & Nadeschkin geisseln an der Premiere ihres neuen Programms «Weltrekord» treffsicher den Rekordwahn.


Kabarettisten, die nicht so trittsicher sind wie Ursus & Nadeschkin, würden dabei abstürzen. So viel Spiel auf der Metaebene! Kommentierend überwachten sie sich ständig bei ihrer Performance - und das, ohne wie Marionetten am eigenen Blick zu baumeln. Zu Beginn schien das Vabanquespiel noch auf der Kippe zu stehen. Sie eröffneten die Premiere im Basler Schauspielhaus mit einer albernen Disco-Nummer und verkündeten grossmundig, diesen Abend eine ganz besondere, nie dagewesene Show zu bieten.

Normalerweise folgt derartigen Ankündigungen, gerade wenn sie sich als Refrain durchs Programm ziehen, höchstmögliche Langeweile. Nicht bei den «German Marx Brothers», wie sie die amerikanische Presse tituliert. Wortakrobatisch übertrugen sie die von Regisseur Tom Ryser präzis inszenierten Peinlichkeiten auf ein Publikum, das mehr und mehr aus dem Häuschen geriet. Ein gleiches Mass an Selbstreflexion jenseits der Bühne war nötig, um zu realisieren, wie laut man über sich selber lachte beim Betrachten von Ursus & Nadeschkins krampfhaften Mühen, in irgendeiner noch so lächerlichen Disziplin die Besten, sprich etwas Besonderes zu sein.

Als archetypisches Traumpaar Weisser Clown und Dummer August vertrat Ursus gewohntermassen das vergeblich ordnende, Nadeschkin das gewinnende chaotische Element. Gerade noch kann er sie daran hindern, den Bühnenvorhang in Brand zu setzen («Weisch, wie hetsch do öppis erläbt!»), schon bricht das Chaos an einem anderen Ort aus. Immer auf der Suche nach einem noch zu setzenden, messbaren Weltrekord, versucht sich Nadeschkin in den Disziplinen «Laut Niesen», «Plastikbecher-Schnellstapeln», «Mit einer Wasserflasche auf dem Kopf die meisten Blitze anziehen» und «Am längsten Gähnen». Doch überall gibt es schon Rekordhalter; selbst der Platz der weltbesten Tontaubenpfeifenstimmerin ist besetzt.

So überdreht das vielleicht klingt: Ursus, Nadeschkin und Regisseur Ryser wären kaum so brillant, wenn sie nicht auch im rechten Moment Tempo herausnehmen und die Absurdität dämpfen könnten. Die schönen musikalischen Zwischenstücke sind zwar ebenfalls laut, Nadeschkin zerspringt wie je vor Energie, aber in die bittere Satire fliessen versöhnliche Töne ein. Überraschend harmonisch kann sich das zankende Duo auf einen gemeinsamen Weltrekord-Versuch im Synchronsprechen (!) einigen, der selbstverständlich kläglich scheitert. Ers tens sind ihre gut 4 Minuten bei weitem zu kurz, zweitens verliert die Zürcherin Nadeschkin den Faden, als der Aargauer Ursus das Lied zum Aarauer Bachfischet-Brauch («Füürio, de Bach brönnt . . .») rezitiert.

Geknickt nach der Niederlage, will Nadeschkin den Auftritt vorzeitig beenden, doch Ursus’ Nachhaken bei der Jury fördert einen unbesetzten Rekord zutage: «Synchronsprechen und Synchronbewegen von 500 Leuten, eine PET-Flasche auf dem Kopf balancierend». Die beiden Meis ter der Publikums-Psychologie schaffen es tatsächlich, dass der ganze Saal bei diesem Spiel mitmacht. Worüber man vorher noch gelacht hat, das macht man nun selber und man fühlt sich beschämend gut dabei.

Weitere Vorstellungen: 7. bis 18. Fe bruar im Casinotheater Winterthur; 14. bis 18. März im Kleintheater Luzern; 21. März bis 1. April im Zürcher Miller’s Studio; 16. und 17. Mai im Theater Basel.

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