Tagebuch
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27.08.2006
Preisgala

Am Samstag in Berlin bei der Live-Übertragung vom RBB
(das dritte Programm im Grossraum Berlin):
Das Schlussbild des GROSSEN KLEINKUNSTFESTIVALS in den WÜHLMÄUSEN um Null Uhr 50 in der Früh:
U&N (ganz hinten oben rechts), zusammen mit diversen Kollegen: Ingo Appelt, Johann Köhnich, Andreas Rebers, den beiden Dieters Nuhr und Hallervorden, Leo Bassi, dem wunderbaren Duo «Zärtlichkeiten mit Freunden», Olaf Schubert, Ingo Oschmann, Reinhold Beckman, Guildo Horn, Rick Kavanian u.a.
Dass es sich bei diesem Abend um einen Wettbewerb handelt, war uns viel zu spät bewusst geworden und so sind wir unserem langjährigen Grundsatz untreu geworden, nämlich: dass wir niemals bei einem Wettbewerb mitmachen, bei dem wir gegen andere Künstler und Künstlerinnen antreten sollen!
(Foto:«cehabe»)
> Das schreibt die Berliner Morgenpost:
Cindy aus Marzahn sprengt alles
Kleinkunst-Marathon der Wühlmäuse
Publikumsliebling Dieter Hallervorden weiß, was seine Fans wollen:
Laut Umfrage wünschen sich nämlich 81 Prozent, dass er seine heimliche Geliebte der Öffentlichkeit vorstellt. Einen besseren Zeitpunkt als eine TV-Liveübertragung hätte der Hausherr der Wühlmäuse dafür kaum finden können. Und so präsentierte er einem überraschten Auditorium einen Alabasterkörper, der Maßstäbe sprengt: Cindy aus Marzahn. Eine kugelrunde Trash-Figur, gehüllt in einschneidendes, körperbetonendes Rosa. Nach eigenem Bekunden aber für den Sex-Appeal in der Show zuständig.
Es ist nicht verbürgt, wie Frau Hallervorden auf die beleibte Offenbarung reagiert hat. Die Zuschauer in den Wühlmäusen belohnten den wandelnden "Hartz-VIII-Report" allerdings mit dem begehrten Publikumspreis des "Großen Kleinkunstfestivals". Eine nicht unbedingt nachvollziehbare, wenn auch nicht ganz unerwartete Wahl, schließlich war Nachwuchs-Comedian Cindy mit ihrer riesigen Berliner Schnauze die einzige Lokalmatadorin im Teilnehmerfeld.
Bereits zum 6. Mal wurden die mit 2000 Euro dotierten Maustrophäen an Spottdrossel-Novizen und arrivierte Satiriker verliehen. Dabei hinkt der Jahrgang 2006 dem letzten mit Preisträgern wie dem subversiven Kabarettisten Andreas Rebers und dem komödiantischen Tausendsassa Robert Louis Griesbach gewaltig hinterher. Ausgezeichnet wurde nämlich Pointen-Mainstream, kein taufrischer Irrsinn, der die Branche so liebenswert macht. Was verwundert, denn die meisten Lacher entfesselte das sächsische Duo "Zärtlichkeiten mit Freunden": Christoph Walther und Stefan Schramm sind mit ihren bekloppten Maskeraden, versierter Grobmusik und wahnsinnigen Geschichten Wegbereiter eines wunderbar nämlichen, aber hochintelligenten Gagmix.
So innovativ und originell zeigte sich der einzige Polit-Kabarettist
des Abends nicht: Mancher Urheber von Mathias Tretters Witzen ist schon längst tot und sein Lieblingsthema "Lebenslustige Senioren in einer überalterten Republik" Warum ausgerechnet er den Jury-Preis erhielt, bleibt ein Rätsel. Schon Moderator Dieter Nuhr hatte zu Beginn über die Jury unter Vorsitz von Maybrit Illner gefrotzelt: "Man will sich beim RBB nicht vorwerfen lassen, es sei Sachverstand am Werk!"
Der Dresdner Betroffenheitsphilosophen Olaf Schubert, der den Berlin-Preis bekam, schwadronierte vor allem über das abgegraste Sujet Männer und Frauen. Mit ihrem speziellen Schweizer Humor hätten Ursus und Nadeschkin viel mehr den Preis verdient. Ein Highlight des fast viereinhalbstündigen Scherz-Marathons lief allerdings außer Konkurrenz: Ingo Appelt setzte sich für das Recht auf eine monatliche maskuline Depression ein und sang am Flügel als vom Glück verfolgtes Häufchen Elend "Scheiße drauf", frei nach dem Prince-Hit "Purple
Rain".
Ulrike Borowczyk

