Tagebuch
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15.03.2007
Interview mit Nadesch

© Basler Zeitung 15.03.2007
«Wir sind Volkskomiker»
Nadeschkin über Basel und ihr Leben als Clown
Interview: Stephan Reuter
Mit ihrer auffälligen blond-schwarzen Rasta-Frisur bleibt Nadia Sieger alias Nadeschkin auf der Strasse selten unerkannt. In Basel ist die Zürcherin immer öfter anzutreffen.
baz: Wie Sie uns wissen liessen, leben Sie mit einem Bein in Basel. Da interessiert uns doch: Zieht das andere Bein bald nach?
NADIA SIEGER: Weiss ich nicht. Mein Freund lebt in Kleinbasel, unser Regisseur Tom Ryser lebt hier, aber ich habe auch einen schönen Ort an der Zürcher Peripherie. Dort möchte ich noch nicht weg. Aber seit zwei, drei Jahren wird meine Beziehung zu Basel immer enger. Und seit zwei, drei Jahren weiss ich auch, dass die Basler ein Problem mit Zürchern haben.
Aus eigener Erfahrung?
Nein. Ich merke einfach, dass es Spannungen gibt, die ich nicht nachvollziehen kann, weil ich in Zürich zu denen gehöre, die sich um Städtekonkurrenz keine Gedanken machen.
Die Fasnacht ist gerade vorbei ...
Eben nicht. Jetzt sind die Bummelsonntage und ich habe den ganzen Abend den Guggemusiken ums Theater zugehört. Die Tonkulisse ist heikel. Wir wollen doch am Sonntag im Schauspielhaus unsere DVD aufnehmen.
Und die Basler Fasnacht an sich: Erleben Sie die mit den Augen eines Clowns?
Sicher. Fasnacht in Zürich oder München finde ich eine Katastrophe und ziemlich kulturlos: Man rastet einfach aus, ist im dümmsten Fall schon morgens besoffen. Die Basler hingegen schaffen das Jahr satirisch auf, ihre Figuren sind schön und durchdacht. Das gefällt mir. Sonst ist Satire in der Schweiz ja auf ein Minimum reduziert, weil es im Gegensatz zu Deutschland nur wenige Kabarettisten gibt. Ich würde gerne mal als Nadeschkin verkleidet an die Fasnacht. Aber das geht natürlich nicht, ich müsste schon eine Larve aufsetzen.
Die «Weltrekord»-Premiere fand am Theater Basel statt, nicht mehr im Casinotheater Winterthur. Ist das eine langfristige Option?
Ja. Das Schauspielhaus hat ein irrsinniges Bühnenmass. Und wir lieben es gross, obwohl wir Kleinkünstler sind. Wir brauchen Platz. Ausserdem spielen wir körperbetont. Da wäre es gemein, wenn die Zuschauer ab der dritten Reihe nur noch Kopf und Schulter von uns sehen. Das Schauspielhaus ist ideal wie kaum eines in der Schweiz. Hinzu kommt, dass Tom Ryser sehr gute Verbindungen zum Haus hat.
Wenn Sie wie am Sonntag eine DVD aufnehmen, spielen Sie dann für die Kamera?
Bei früheren DVDs haben wir das getan, ja. In diesem Fall macht es wenig Sinn, direkt in die Kamera zu sprechen. «Weltrekord» ist Theater, da kann ich keine Grussbotschaft an die daheim schicken. Andererseits: Wir wollen, dass das Stück im Fernsehen laufen kann. Im Theater erreichen wir nur drei Prozent der Bevölkerung.
Und Sie hätten gern 100 Prozent?
Nein, aber als Clown bist du irgendwo Volkskomiker. Und in «Weltrekord» thematisieren wir, was viele bewegt: dass jeder ein Star sein will und es am Schluss doch viele Verlierer gibt, wie bei den «MusicStar»-Kandidaten. Das geht die Jungen extrem an, wir haben viele 20-Jährige im Publikum.
Das ist doch eine schizophrene Situation, wenn Clowns das Fernsehen brauchen, um die Masse zu erreichen.
Wir leben in einer absurden Zeit. Grock, die Clown-Ikone, hat in seinem Leben nicht mehr als 40 Minuten Material gemacht. Damals gab es auch keine Reizüberflutung. Wer einen guten Clown sehen wollte, ging in den Zirkus. Niemand fragte damals Grock, wann machst du was Neues? Uns fragt man das dauernd. Dann frage ich zurück: Hast du das Alte schon gesehen?
Apropos › wann macht ihr was Neues?
Im Herbst. Wir feiern unser 20-Jahr-Jubiläum und verwirklichen all die grösseren Projekte, die bisher nie Zeit hatten bei uns zu landen. Zum Beispiel eine neue Produktion mit unseren «Perlen, Freaks & Special Guests».
Was verbirgt sich hinter dem Titel?
Ein Stück, das Grenzen sprengt. Dazu fliegen wir demnächst nach Finnland und versuchen, Rebecca Carrington, eine englische Musikkomikerin, die Cello spielt, mit den Sirenengesängen der finnischen Folkpop-Gruppe Värttinä zusammenzubringen. Die Produktion vereint sieben Nationen, zwölf Künstler und Künstlerinnen und eine Ratte. Basler Premiere der Tournee ist im September.
> Schauspielhaus, Basel. Sa, 17. 3., 20 Uhr. So, 18. 3., 17 und 21 Uhr.
Es hat noch Karten! - Tel. 061 295 11 33.
(Foto Nicole Pont)

