Ursus & Nadeschkin

Tagebuch

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01.11.2007

Auf verschiedenen Hochzeiten tanzen...

Auf verschiedenen Hochzeiten tanzen...

Einerseits ist Tom, unser Regisseur, derzeit mit uns am Proben, andererseits feierte er soeben mit einem Maria-Callas-Stück im Theater Basel seine jüngste Première.
Mit Erfolg!
Auf verschiedenen Hochzeiten tanzen, das kann der Tom!
Sein neustes Stück ist übrigens «Meisterklasse»!
Wir empfehlen: Unbedingt hingehen!


© Basler Zeitung; 26.10.2007
Das Genie als Zicke
Das Maria-Callas-Stück «Meisterklasse» am Theater Basel
SIGFRIED SCHIBLI
Anfang der Siebzigerjahre unterrichtete die Sängerin Maria Callas während ihrer Stimmkrise in New York. Daraus und darüber hat Terrence McNally 1995 das Stück «Meisterklasse» geschrieben, das jetzt auf der Kleinen Bühne herauskam.
Callas, die Sängerin, die Primadonna assoluta, die Diva › sie hatte eine Aversion gegen Leute, die «nur singen» wollten. Ihr ganzes Leben war ein Einspruch gegen dieses «nur», auf das die Nachwelt und die Stimmenfans sie reduzieren wollten. Ihre wohldokumentierten Meisterkurse, die in Ausschnitten auf CD vorliegen (bei EMI), waren es auch.
Dies ist vielleicht die wichtigste Botschaft im Dramentext von Terrence McNally: Operngesang ist hohl und leer, wenn er sich auf die Stimme allein fokussiert, wenn er nicht hinter, nein: in den Figuren die menschlichen (und bisweilen unmenschlichen) Emotionen entschlüsselt.
VERWEIS. In den Kommentaren der grossen Callas zu den jungen Sängerinnen und Sängern, die von ihr einige Tricks abkupfern wollten, scheint manches nebensächlich, gar läppisch: ihre Kritik an der Kleidung, ihre Unterscheidung zwischen «auf die Bühne kommen» und «auftreten», ihr bohrendes Nachfragen, in welcher Kirche Cavaradossi in Puccinis «Tosca» malt und welche Figur er porträtiert. Weil er von all dem nichts weiss, kriegt der nur allzu selbstbewusste Nachwuchstenor (in der Basler Aufführung der vorzügliche Michael Pflumm) einen scharfen Verweis, und nur durch hartnäckigen Widerstand gelingt es ihm, der Diva vorsingen zu können.
Oder die mädchenhaft naive Sängerin der Amina in Bellinis «Sonnambula» (Annina Künzi), die schon nach dem ersten Ton unterbrochen wird und der barsch beschieden wird: «Hier geht es um Leben oder Tod!» Oder die in einem feuerroten langen Kleid aufmarschierende Lady Macbeth (Vida Mikneviciute), die von der Callas den überraschenden, aber weisen Rat erhält: «Denken Sie an den Frühling!» Auch der Pianist (brillant: Mihai Grigorio) kriegt neben Lob des Öfteren sein Fett weg.
TRAGÖDIE. Die Mitschnitte der New Yorker Meisterkurse waren für den Stückautor Terrence McNally eine Fundgrube, denn die Callas war nicht nur auf der Opernbühne, sondern auch privat eine Tragödin ersten Ranges. Und die niedere Existenzform der Tragödin ist bekanntlich die Zicke, auf welche jede Inszenierung die Callas zu reduzieren droht › weils halt so unterhaltsam ist. Die gekonnte, kaum fünfviertelstündige Inszenierung von Tom Ryser zeigt die Callas in ihrer Zerrissenheit zwischen Grösse und Kleinlichkeit, zwischen Triumph und Depression, lässt sie zum Gesang der jungen Eleven Monologe sprechen, die schonungslos ihre Krise und ihr Ausgeliefertsein gegenüber dem Milliardär Aristoteles Onassis offenbaren.
In den masslosen Kommentaren der Diva erkennt man die ganze Tragik ihres Sängerdaseins, den dauernden Leistungsdruck, die Angst vor dem Versagen und den Hang zur Identifikation mit den von ihr dargestellten Figuren. Das ist auch ein Klischee, aber eines, das einen warm ums Herz werden lässt.
SLAPSTICK. Die Gefahr, eine Schauspielerin singen zu lassen und sie damit scheitern zu lassen, umschifft die spannende Inszenierung: Nikola Weisse, die eine herrische Callas gibt, ohne ihr äusserlich ähneln zu müssen, singt keinen Ton. Aber noch im Schweigen ist sie eine sprechende Darstellerin.
Einer Gefahr ist Ryser nicht entgangen: An den Anfang stellt er eine Slapstickszene mit einem Bühnenarbeiter (Marco Ercolani), der hektisch die Bühne aufräumt und sich dabei in immer schlimmere Verwicklungen stürzt. Das mag als Extremkontrast zum dramatischen Schluss gemeint sein, in dem sich eine junge Sängerin ihren Hass gegen die Callas aus dem Leib schreit. Aber es wirkt halt wie dilettantisches Laientheater.
> Theater Basel, Kleine Bühne. Nächste Aufführungen 26. 10., 7., 13. 11.

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