Ursus & Nadeschkin

Tagebuch

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08.03.2008

© Basler Zeitung

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Den Takt im Blut

© Basler Zeitung über «unsere» Dirigentin!
(Foto: Bernhard Fuchs)

Früher eiferte sie ihrer Mutter auf dem Klavier nach. Heute dirigiert Graziella Contratto erfolgreich Orchester.
Kathrin Kramer

Jetzt könnte man eine Stecknadel fallen hören. So still ist es im Saal. Graziella Contratto steht sehr gerade, mit erhobenem Haupt, vor ihrem Orchester. Sie zieht die Arme, als würde sie einen Bogen spannen, in einer gleichmässigen Bewegung aufwärts. Schwer zu sagen, was es ist: ein kurzes Anheben des Kinns, eine plötzliche Schwingung im Handgelenk, ein Zucken des Taktstocks. Ein exakt markierter Moment jedenfalls, ein spürbarer Scheitelpunkt der Bewegung, an dem die Musik einsetzt: Tatatataa. «Nehmen Sie die Fünfte Sinfonie von Beethoven», hatte Graziella Contratto im Gespräch zuvor erzählt, «wenn der Dirigent da nur eine Mikrosekunde Zweifel hat, kann das Orchester nicht spielen.» Es spielt.

Wir befinden uns im Gemeinschaftszentrum des Zürcher Stadtteils Buchegg. Die Schweizer Dirigentin probt mit dem Sinfonieorchester Camerata Schweiz und den beiden Komikern Ursus und Nadeschkin für das Konzerttheater «Im Orchester Graben», mit dem sie am kommenden Dienstag und Mittwoch in Basel gastieren wird. «Klassik meets Komik», sagt sie. Braucht die Klassik Rückenwind? Graziella Contrattos Antworten sind oft ein bisschen verblüffend. Von einer geistigen Übung spricht sie, die diese Gratwanderung zwischen «professioneller musikalischer Aktivität und lustvoll sinnlicher Infragestellung der Professionalität» für sie bedeute. In dem Programm ist sie zunächst die Dirigentin, die die klassische hohe Kultur verteidigt gegen zwei skurrile Eindringlinge, die das Konzert mit ihren Zwischenfragen und unorthodoxen Einfällen zu sprengen drohen.

Dastehen muss sie wie ein Fels, schroff und unerbittlich. Das fällt ihr nicht leicht. Mehr liegt ihr das Harmonische, Flexible, Geschmeidige. «Für mich bedeutet das Projekt auch, Schwächen, die ich kenne, neu anzugehen. Den Mangel an Selbstdarstellung zum Beispiel, unter dem wir Schweizer ja oft leiden.» Graziella Contratto liebt die Herausforderung.

mit einer stricknadel. Als kleines Mädchen gelingt ihr eigentlich alles auf Anhieb, ein ungestümes Kind mit vielen Talenten. 1966 in Schwyz geboren, wächst sie dort mit zwei Geschwistern auf. Ihre Erziehung bezeichnet sie als «sehr straff». Deshalb sucht sie sich eigene Räume, in denen Freiheit möglich ist. Sie findet sie in den vielen Büchern, die sie in der Bibliothek der dörflichen Pfarrei ausleiht, und sie findet sie in der klassischen Musik, wobei sie die Noten noch vor den Buchstaben lernt. Bis heute ist das Lesen, wenn sie nicht dirigiert, ihre Lieblingsbeschäftigung. Mit sieben Jahren beginnt sie, Klavier zu spielen und überflügelt darin bald die Mutter. Sie besucht eine Mädchenschule, «wo wir alles selbst gemacht haben. Da waren keine Jungs, die für ein paar Physiktipps umschmeichelt sein wollten». Mit zwölf Jahren hält sie auf der ersten Seite ihres Tagebuchs schon mal ihr Berufsziel fest: Dirigentin. Diese Zielstrebigkeit kommt aus dem Piemont. Dort lebten die Vorfahren des Vaters, Baumeister, die sich durch den Gotthard bohrten und sich nach Abschluss des Tunnelbaus in Arth-Goldau niederliessen. Das Künstlerische verdankt sie der Mutter, einer Schwyzerin, rhetorisch und kabarettistisch talentiert, und der Grossmutter, die Zither spielte und phantastische Geschichten erzählte.

Nach der Matura schlägt Graziella Contratto zunächst die Laufbahn einer Konzertpianistin ein. Sie studiert Klavier am Konservatorium in Luzern und Winterthur und macht das Reifediplom 1992 mit Auszeichnung, gewinnt Piano- und Kammermusikpreise und unternimmt Konzertreisen ins Ausland. Gleichzeitig studiert sie Musiktheorie und ist mit 25 Jahren die jüngste Schweizer Dozentin an der Musikhochschule Luzern. Doch da gab es noch diesen uneingelösten Traum der Zwölfjährigen. «Vielleicht weil ich gespürt habe, dass mir die bedingungslose Hingabe ans Klavierspiel fehlt, und weil ich immer gleichzeitig nach musikalischem und intellektuellem Lernen gestrebt habe.» Den Ausschlag zu der Entscheidung, Dirigentin zu werden, gibt ihr damaliger Freund. Obwohl er hochbegabt ist, verweigert er sich aus reiner Nervosität der Abschlussprüfung fürs Dirigierstudium. Da wusste sie, «ich will es machen, sozusagen stellvertretend».

Ihr schien, als sei ihr im Leben bislang alles in den Schoss gefallen. Jetzt wollte sie sich einer eigenen Herausforderung stellen. Mutig? «Das ist eine Seite in mir, die ist irgendwie ziemlich couragiert», sagt Graziella Contratto, als wundere sie sich selbst darüber. «Da ist nichts lobenswert Heldenhaftes dabei. Ich habe einfach wenig Angst vor Menschen.» Also steht sie bei der Aufnahmeprüfung 1991 in Zürich mit einer roten Stricknadel vor das Ensemble – «oder war sie grau? Einen Taktstock hatte ich jedenfalls noch nicht» – und besteht.

Beethovens Fünfte, erster Satz, in Buchegg. Es ist ein ästhetisches Vergnügen, Graziella Contratto beim Dirigieren zuzuschauen. Sie bewegt sich nach den Gesetzen einer Choreografie, die nur sie kennt. Sie neigt sich zum Notenpult herab, lässt im Aufrichten die linke Hand in die Höhe schnellen, indes sich die rechte mit dem Taktstock im Rhythmus wiegt. Im weiten Bogen neigt sich der linke Arm über die Streicher hinweg, als wolle sie mit seiner Hilfe eine Brücke zu den Bläsern schlagen. Und während die Töne immer zarter werden, führt sie die zugespitzte Hand fast zärtlich wie von fern Richtung Mund.

Chinesischer Meister. «Wissen Sie, dass Sie zu lange Arme haben», hatte ein Gremium aus männlichen Dirigenten einst nach einem Vorspiel während der Ausbildung geurteilt. Graziella Contratto ist schlank und gross und eine Frau. Vor siebzehn Jahren, mehr noch als heute, waren das schwierige Voraussetzungen für den Dirigentenberuf. «Purer Zufall, aber alle meine Dirigierprofessoren waren kleiner als ich. Es ist eine Frage der Proportionalität, und als junge Dirigentin musste ich meine eigenen Bewegungscodes erst finden. Übrigens betrachte ich heute noch gerne männliche Dirigierarme bei der Arbeit: Sehr schön, sehr geerdet kann das aussehen.»

Als Frau, daran hatte Graziella Contratto keinen Zweifel, kann sie sich durchsetzen, aber als Frau mit «zu langen Armen»? «Eine Frage des Hebelgesetzes.» Doch als «sokratisch geschulte Gymnasiastin» wusste sie auch, dass der Zweifel den Anfang macht. In Tschechien findet sie 1993 ihren Meister, den chinesischen Dirigenten Tsung Yeh, der ihr die Schlüsselfrage stellt: «Warum bewegen Sie Ihre schönen langen Arme nicht?» Das ist der Moment, von dem an sie ihren ganz persönlichen Dirigierstil entwickelt.

Erster Erfolg in Basel. 1996 feiert Graziella Contratto am Theater Basel ihren ersten grossen Erfolg. Sie dirigiert die Uraufführung der Oper «Knastgesänge» von Hans Werner Henze. Für drei Jahre übernimmt sie die Leitung des Akademischen Orchesters in Freiburg im Breisgau, dirigiert die grossen Spätromantiker – Mahler, Bruckner. 1998 holt sie Claudio Abbado als musikalische Assistentin zu den Philharmonikern nach Berlin und zu den Osterfestspielen nach Salzburg. Seit 2003 ist sie, als erste Frau, die in Frankreich einem staatlichen Orchester vorsteht, Chefdirigentin des Orchestre des Pays de Savoie in Annecy. Überdies wird sie im Sommer zum zweiten Mal als Intendantin das Davoser Festival «young artists in concert» leiten und beim Opernfestival in Avanches als erste Frau überhaupt Verdis «Traviata» dirigieren.

Der Dirigent ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Als die Orchester- und Chorwerke ausladender wurden, reichte es nicht mehr, vom ersten Pult oder vom Cembalo aus die Musiker zu leiten. Ein neuer Beruf entstand, der des Dirigenten, der weder Musiker im Orchester noch zwingend Komponist des Werks war. Ihm allein oblag die Macht der Interpretation. «Bis heute», sagt Graziella Contratto, «hat das Bild des Dirigenten etwas von diesem Kriegsgeneral-Gedanken des 19. Jahrhunderts, der die grosse Masse der Musiker zähmt und in die gleiche Richtung marschieren lässt.» Wer dirigiert, bekommt es mit Macht zu tun. Ob er will oder nicht.

Sie will eigentlich nicht. «Die Macht und ich mögen sich nicht sehr», sagt sie und lacht. Den Dirigenten sieht sie nicht als jemanden, der den Musikern vom hohen Podest herab seine Interpretation aufzwingt, sondern mehr als denjenigen, der die Energien fokussiert. «Zu spüren, dass der Impuls zum Klang von meinem Körper ausgeht, das ist schon sehr lustvoll. Aber ob das mit Macht zu tun hat?» Ihr grosses Vorbild ist männlich. «Ich komme aus der kantigen Innerschweiz, wo die Kirchenbänke hart sind und man deshalb ungern niederkniet», erzählt Graziella Contratto. Aber wenn sie Videoaufnahmen des Dirigenten Carlos Kleiber sieht, der 2004 starb, überkommt sie Andacht. Sie kennt keinen, der beide Hände so gleichberechtigt, «demokratisch» sagt sie, einsetzt, der wie er die Partitur physisch umsetzt. «Für mich ist er Musik gewordener Mensch. Reine Präsenz.»

Um die Frage, ob es einen weiblichen Dirigierstil gebe, kommen wir nicht herum, auch wenn sie die leid ist. Ein französischer Film über Graziella Contratto heisst «Entre grâce et maîtrise», «Zwischen Grazie und Beherrschung» liesse sich übersetzen. Aber Grazie klingt Graziella zu «weibisch», Empathie passe besser. Graziella Contratto hat nicht nur Einfühlungsvermögen. Sie hat auch einen «Hauch von synästhetischer Veranlagung», was bedeutet, dass sie intuitiv den Klängen Farben zuordnet – Gelb fürs d, Rot fürs c, Grün fürs f. Und sie hat ein «interaktives Gehör». «Ich empfinde ganz klar, wie der Mensch ist, der die Musik komponiert hat. Und ich habe während des Musizierens ein ziemlich feines und sicheres Gespür für die Stimmung, die im Orchester herrscht, und die Befindlichkeiten der einzelnen Musiker.»

Eine eher weibliche Begabung und Bürde bisweilen. Früher, erzählt Graziella Contratto, habe sie sich oft einsam gefühlt dort oben auf dem Podest und alles getan, um von ihren Musikern gemocht zu werden. «Ich wollte die Nähe spüren, die grosse Harmonie.» Heute weiss sie, «die Musik braucht das nicht». Sie will den Musikern ein Gegenüber sein, nicht bedingungslose Nähe einfordern, um den Überblick wahren und kritikfähig bleiben zu können. Sie fühlt sich im Dienst der Musik und ihres Ideals: «Wahrheiten weiterzugeben, die in der Musik verborgen sind, die wiederum den Zuhörer im Saal berühren und ihm etwas über sich selbst erzählen. Unser Handeln ist in der heutigen Gesellschaft sonst nur noch von Machbarkeitserwägungen und wirtschaftlichen Effizienzgedanken geleitet.»

Traum vom opernschiff. Graziella Contratto wäre, selbst wenn ihr Zeit dazu bliebe, wahrscheinlich keine Träumerin. Dennoch gibt es Träume. Der eine führt sie als Dirigentin nach Bayreuth. Der andere auf ein Opernschiff. Das will sie bauen lassen und über den Vierwaldstättersee schicken, so dass es am Ende vor dem Wagner-Museum in Luzern anlegt, während die letzten Klänge des «Tristan» verhallen. Der Traum ist zehn Jahre alt, da könnten jetzt Machbarkeitserwägungen nützen.

Noch befinden wir uns in Buchegg. Der erste Satz von Beethovens Fünfter verklingt. «Die Trompeten waren zu langsam», sagt Graziella Contratto, «wahrscheinlich weil ihr so lange nichts hattet.» Mit der Linken streicht sie sich flüchtig eine Haarsträhne hinters Ohr. «Und am Ende bloss kein Ritardando. Sonst ist die Unerbittlichkeit dahin.»

Contratto in Basel, nächste Konzerte:
«Im Orchester Graben» mit Ursus und Nadeschkin und dem Sinfonieorchester Camerata Schweiz: Dienstag, 11. März, 20 Uhr, Theater Basel, Grosse Bühne (Premiere). Mittwoch, 12. März, 20 Uhr,Theater Basel
> www.graziellacontratto.com

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