Ursus & Nadeschkin

Tagebuch

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29.04.2008

Letztes Notenblatt vor der langen Fermate...

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Nadeschkin ist gerade dabei, die allerletzte Pressekritik der Tournee zu lesen:

© Neue Zürcher Zeitung, gestern 2008

BRÜCKE ÜBER DEN GRABEN

Konzerttheater der Camerata Schweiz mit Ursus & Nadeschkin

In der Schweiz gibt es nicht nur einen Röstigraben, sondern - das wissen wir Zürcher seit dem Wochenende - auch einen Graben zwischen den Einwohnern «mit Konservatorium» und solchen «mit ohne Konservatorium». Da Gräben ein gesellschaftliches Risiko darstellen, sprechen Kulturpolitiker immer wieder davon, dass diese zugeschüttet werden sollten. Am Samstag ist die Herkules-Aufgabe in der Tonhalle Zürich spielend gelungen. Die Akteure: das Komikerpaar Ursus & Nadeschkin sowie die Dirigentin Graziella Contratto mit dem Sinfonieorchester Camerata Schweiz unter der Regie von Tom Ryser auf der letzten Station ihrer Schweizer Tournee.

Zu Beginn herrscht die reine Konfrontation. Nadja Sieger alias Nadeschkin und Urs Wehrli alias Ursus, die auf den Sitzen der Orchestermusiker Platz genommen haben, werden von diesen verdrängt. Die Dirigentin würdigt das Paar im gelben und im weissen Frack keines Blicks und dirigiert tapfer den ersten Satz von Beethovens fünfter Sinfonie durch. Nach dem Schlussakkord brechen die beiden in tosenden Applaus aus und reissen das ganze Publikum mit - ein Sakrileg in den heiligen Hallen des Musentempels. Wutentbrannt legt sich Contratto mit den zwei «Botschaftern der Musik» an und entlarvt sie als Ignoranten, indem sie sie über Beethovens Leben und Werk examiniert. Doch das Eis schmilzt, die Dirigentin findet Gefallen am Komikerpaar, und vor der Pause bietet sie ihnen bereits das Du an.

Während der pädagogische Aspekt im ersten Teil des Programms gelegentlich sauer aufstösst, entfaltet der zweite Teil eine erfrischende Dynamik, in die auch das Orchester hineingezogen wird. Dass Contratto auf dem Keyboard nicht nur Bachs berühmte Toccata, sondern auch Abba & Co. spielen kann, findet bei den Musikerinnen und Musikern der Camerata sogleich Nachahmung. Die Dirigentin will zwar wieder zurück zu Beethoven, aber das Orchester reagiert trotzig mit einer jazzigen Variante. Bei der Dur-Version der c-Moll-Sinfonie protestiert der Hornist lautstark, und beim Durchgang mit vertauschten Noten, einer absoluten Kakofonie, läuft eine Geigerin weg. Lustvoll erfüllt das jugendliche Orchester die ungewohnten schauspielerischen Aufgaben. Gekonnt wechselt Contratto in ihrer Doppelrolle zwischen gestrenger Dirigentin und experimentierfreudiger Komikerin. Und die «Ignoranten» Ursus & Nadeschkin erobern die Herzen des Publikums endgültig, als sie zum Schluss eine vokale Variante der «Tätätätaa»-Sinfonie mit Dirigiereinsätzen zum Besten geben.

Thomas Schacher

(Foto: Bernhard Fuchs)

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