Tagebuch
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13.03.2008
Ursus mit Zauberstab

Auch die zweite Vorstellung im Theater ging vor übervollen Rängen über die Konzertbühne.
Es gibt viele schöne Seiten an einer Première, wenn nach Wochen und Monaten intensiver Vorbereitung ohne Publikum endlich Menschen im Zuschauerraum sitzen. Zum Beispiel, dass ein Publikum mit seinen Reaktionen und Erwiderungen plötzlich Dinge auf den Kopf stellt, von denen man vorher nichts wusste. Oder wenn einem die versammelte Schar Journalistinnen und Journalisten plötzlich erklärt, was man denn da genau macht...
Das meint «Die Südostschweiz»:
Ursus & Nadeschkin graben im Orchester
Das Schweizer Comedy-Duo Ursus & Nadeschkin wird ernsthaft: Als «Botschafter der Musik» wagt es sich zusammen mit der Camerata Schweiz an Beethovens fünfte Sinfonie. Am Dienstag war Premiere in Basel.
Von Reinmar Wagner
Basel. - Das Programm «Im Orchestergraben», in dem das Schweizer Comedy-Duo Ursus & Nadeschkin als «Botschafter der Musik» gemeinsam mit der Camerata Schweiz auftritt, geht auf eine Idee der vielseitigen Dirigentin und Davos-Festival-Intendantin Graziella Contratto zurück. Und was macht man so als «Botschafter der Musik» im Orchestergraben? Natürlich: Man gräbt. Damit wäre das Niveau abgesteckt und der Ärger mit der Dirigentin programmiert. Bereits nach dem ersten Satz von Beethovens fünfter Sinfonie häuften sich die humoristischen Fehltritte der Musikbotschafter, obwohl sie sich sogar in den Frack gestürzt hatten.
Unwissende Musikbotschafter
Auf ihre bekannte Art verhedderten sich Ursus & Nadeschkin sofort in Widersprüche, Halbwissen und Gifteleien. Wem gehört das Publikum, und wer machts mit oder ohne Konservatorium? Sind das nun Amseln oder Frösche, die Beethoven inspirierten, und wer ist er überhaupt, dieser Beethoven? Das steife Ritual klassischer Konzertkultur, die zelebrierte Magie des Taktstocks und die abgehobene Terminologie, in der immer noch fast überall über Beethoven & Co. gesprochen und geschrieben wird, ergeben ohnehin wunderschöne Gelegenheiten zur Karikatur und Persiflage. Aber das Trio Ursus, Nadeschkin und Graziella ging noch ein paar Schritte weiter: Unversehens sprang der kabarettistische Funke auf das Orchester und Beethoven selbst zurück. Aus dem Kinderkonzert für Erwachsene wurde ein absurder Reigen spielerischer Aneignung von Beethovens Musik, der im Detail hin und wieder noch präziser hätte ausfallen können.
Aber auch so: Es war schon toll, wie das Orchester plötzlich swin- gen konnte, interessant, was passiert, wenn man einfach Dur statt Moll spielt oder die Sinfonie so hört wie der taube Beethoven. Choreografie und Pantomime überwanden die Hürde zu den Orchestermusikern, und Contratto machte eine erstaunlich gute Figur - als Dirigentin ohnehin, aber auch als Komödiantin und Schauspielerin überzeugte sie.
Musikalisches Kabarett
Am Ende erhielten alle Künstler auf der Bühne stehende Ovationen. Es war ein sehr lustiger Abend, der nicht bei den Ursus-&-Nadeschkin-Stereotypen stehen blieb, sondern viele Bereiche des musikalischen Kabaretts auslotete - und bei den Zugaben doch wieder zum umwerfenden Komikerpaar mit dem schnellen Mundwerk zurückkehrte: Phänomenal und äusserst musikalisch brachten sie zum Schluss Beethovens Partitur auf ihre Weise doch noch virtuos auf den Punkt. (so)
(Foto: Bernhard Fuchs)

