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21.04.2008
Mit «Im Orchester graben» auf nach Bern!

© Der Bund; 21.04.2008; kultur
Mit «Im Orchester graben» gehen Ursus & Nadeschkin unkonventionelle Wege
Klassik trifft Komik
Im Programm «Im Orchester graben» dirigiert Graziella Contratto die Camerata Schweiz, und das Komikerduo Ursus & Nadeschkin stellt die Gepflogenheiten des Konzertbetriebs infrage. Entstanden ist ein höchst unterhaltsamer Abend im Kultur-Casino.
Daniel allenbach
Kaum ein Gesellschaftsbereich kennt heute noch so viele Konventionen wie ein klassisches Konzert. Alles ist bis ins Detail festgelegt: die Sitzordnung des Orchesters, das Einstimmen, der Auftritt der Dirigentin, die zu spielenden Noten und nicht zuletzt der Applaus am Ende. Doch wann ist ein Schluss Schluss?
Diese Frage stellen Ursus & Nadeschkin stellvertretend für alle Zuhörer «mit ohne Konservatorium». Als Botschafter der Musik sehen sie ihre Aufgabe darin, den Graben zwischen Bühne und Publikum zu überbrücken. Allerdings erregen sie damit zunächst nur den Unwillen der Dirigentin Graziella Contratto. Denn bereits während des ersten Satzes können die beiden Komiker ihren Beifall kaum zurückhalten – und noch bevor der zweite beginnen kann, greifen sie in das Geschehen ein.
Sie kennen einige Instrumente -
So mischen Ursus & Nadeschkin mit viel Halbwissen das ganze Orchester auf. Sie versuchen sich in Analyse («das Amselmotiv»), geben der Dirigentin Tipps und beweisen mit den Komponisten «Schoppen», «Hintenmit» und «Maler» sogar einige Kenntnisse in Musikgeschichte. Sie kennen einige Instrumente – darunter die Sitzgeige (Cello), den Silberpfeil (Flöte) und das Didgeridoo (Fagott) – und sind schliesslich (fast) stilecht angezogen.
Zunächst einmal tut sich allerdings zwischen dem gelben und weissen sowie den vielen schwarzen Fräcken tatsächlich ein Graben auf. Nach einem Wutausbruch verlässt Graziella Contratto sogar die Bühne. Doch diesen Moment nutzen die Komiker, um tiefer in die Geheimnisse und Klänge des Sinfonieorchesters einzusteigen. Die Macht eines Dirigierstabes erweist sich als beinahe beängstigend, und schliesslich können sich Ursus & Nadeschkin nicht einmal mehr bewegen, ohne dass jede ihrer Bewegungen vom Orchester in Klang umgesetzt wird.
Die Camerata Schweiz erweist sich als aufmerksamer Partner des Komikerduos. Lustvoll improvisieren und spielen die 37 Musikerinnen und Musiker drauflos. Nach einem fulminanten Start mit dem ersten Satz aus Beethovens fünfter Sinfonie – Sie wissen schon: «tätätätaa» – spielen sie die Komposition rückwärts, in Dur statt Moll, mit vertauschten Stimmen und dadurch in verschiedenen Tonarten, oder sie singen den Anfang des Werks. Nach der Pause mutiert das Orchester gar zur Jazzband und landet später für kurze Zeit in der Anarchie.
Ganz abgesehen von der guten Unterhaltung überzeugt die von Graziella Contratto geleitete Camerata Schweiz auch musikalisch. Mit sparsamem Vibrato, spannungsvollen Bögen und gut herausgearbeiteten Gegenstimmen in Beethovens Original sowie mit viel Spielfreude und Konzentration während des ganzen Abends beweist das Orchester seine Qualitäten.
Karikatur des Pultlöwen -
Wie bei den Musikern sitzen auch bei Ursus & Nadeschkin die einzelnen (Ein-)Sätze perfekt. Mit einfachen Bemerkungen und glaubwürdigem Augenaufschlag stellen die beiden Komiker die Konventionen des Konzertbetriebs infrage. Das unter der Regie von Tom Ryser erarbeitete Programm schafft eine gute Mischung von Komik, Klassik und manchmal einem Hauch Klamauk.
Die mit Abstand schwierigste Aufgabe hat Graziella Contratto. Als gestrenger «Maestro» hat sie die heikelste Rolle des Konzerttheaters: Während die beiden Komiker das Orchester als Fremdkörper aufmischen können, steht sie in einer Doppelfunktion auf der Bühne. Als Dirigentin ist sie für die musikalische Seite des Abends verantwortlich, und gleichzeitig ist sie schauspielerisch gefordert. Manche Wandlungen wirken deshalb etwas sprunghaft, doch insgesamt kann sich ihre Karikatur des arroganten, aber einsamen Pultlöwen sehen lassen.
Es bleibt die Frage, was das sehr gemischte Publikum im ausverkauften Kultur-Casino nach dem Konzert mitnimmt: wohl zumindest die Erinnerung an einen unkonventionellen, äusserst unterhaltsamen Abend, vielleicht aber auch Lust auf mehr Komik und Klassik.
Foto: Dirk Srok (Tourbegleitung)

