Ursus & Nadeschkin

Tagebuch

Hier findet man alle weiteren Tagebuch-Einträge

25.04.2008

© Tages Anzeiger Zürich

© Tages Anzeiger Zürich

Wer dirigiert hier eigentlich, und wer spielt überhaupt noch?

© Tages Anzeiger Zürich

Beethovens Fünfte, underobsi gekehrt

Ursus und Nadeschkin graben mit Lust im Orchester.
Am kommenden Wochenende führt ihre Tournee nach Zürich.

Zum Schluss geschieht etwas Überraschendes und eigentlich Wunderbares: Die Musiker des Sinfonieorchesters Camerata Schweiz spielen den ersten Satz aus Beethovens Fünfter – zum wie vielten Mal an diesem Abend nun schon? – ganz allein zu Ende, an der Rampe des Podiums stehend, und plötzlich erscheint die Musik wieder in ihrer ursprünglichen magischen Schönheit und Kraft, steigt sie wie Phönix aus der Asche auf.

Dabei ist das Orchester bei dieser Aufführung im Luzerner KKL zuvor mit diesem Satz kaum zurande gekommen. Beim ersten Mal wurden die Musiker vom Applaus unterbrochen, und alle weiteren Aufführungsversuche gerieten noch chaotischer, so sehr sich die Dirigentin Graziella Contratto zunächst auch dagegen wehren mochte. Schliesslich aber spielte sie mit in diesem Theater, verfremdete das Stück selber zum Jazz, führte es rückwärts auf und mit vertauschten Notenblättern, ja einmal sogar als Zugabe – eigentlich ein in diesem Zusammenhang brutal-trauriger Moment –, so, wie es der taube Beethoven (eben nicht) gehört haben mag.

Nicht zerstört wurde hier also, sondern in veränderter Ordnung neu gehört. Wir erinnern uns, wie ein gewisser Ursus Wehrli die Meisterwerke der Kunstgeschichte «aufräumte» und sie so neu lesbar machte. Nun hat er hier als Ursus zusammen mit Nadeschkin im Orchestergraben gewirkt bzw. im Orchester gegraben bzw. versucht, den Graben des breiten Publikums zum Orchester, sprich zur klassischen Musik zu überwinden. Was nicht gelang bzw. bestens gelang, denn das Durcheinander entsteht in diesem Programm nicht dadurch, dass Ursus und Nadeschkin klamaukhaft Unfug treiben, sondern dass sie ständig neue Ordnungen erdenken.
Spielball der Clowns

Das unter der Regie von Tom Ryser entstandene Konzerttheater «Im Orchester Graben», das zurzeit auf Schweizer Tournee ist und nun noch nach Zürich kommt, macht die Widersprüche und Hinterhalte, die verborgenen Freuden und Lüste der beethovenschen Musik, aber auch des Konzertbetriebs sichtbar. Nadeschkin und Ursus hätten da eigentlich die theatralische Aufgabe des Vermittlers, aber sie erledigen das natürlich auf ihre komische Weise. Der Dirigentin Graziella Contratto im langen schwarzen Frack kommt dabei bald die Rolle einer weissen (vernünftigen) Clownin zu, die ihre Mitspieler immer wieder zur Vernunft rufen will, und das Orchester wird zum Spielball der auch dirigierenden Clowns – zu einem allerdings recht eigenwilligen Ball, der plötzlich aus gewerkschaftlichen Gründen in die Pause geht und die Protagonisten alleine lässt.

Was da geschieht, hat – oho! – sogar etwas Avantgardistisches. Ein improvisierendes Orchester mit Armbewegungen zu dirigieren, überhaupt die Gestik des Dirigenten auszukomponieren bzw. sie in karajanscher Manier zu parodieren, mit derlei wurde schon in den 1960er-Jahren zum Beispiel im instrumentalen Theater experimentiert. Manche Momente klangen hier denn auch wie Neue Musik – und wurden vom Publikum dennoch fröhlich akzeptiert, weil sie halt nicht so gar ernst daherkamen.

Toll, wie die Orchestermusiker mit ihren Flauten, OBöen und RaViolinen mitmachten, fabelhaft reagierten und ausserdem unter Contrattos Leitung auch einen klar ausgehörten Beethoven boten. Das sei denn doch noch angemerkt. Ach! das liest sich jetzt wohl alles so seriös, dabei haben wir so gelacht, nicht eingelullt von der Komik, sondern durch sie aufmerksam nicht nur auf die Musik, sondern auf jede veränderte Miene, jede kleine Geste, jedes Untertönchen, an einem Abend, der einem immer wieder die Haare im Frühauf zu Berge stehen liess, meint der im Konzert angesprochene Kritiker mit den wenigen Haaren.

Zürich, Tonhalle, Samstag und Sonntag, 20 Uhr.

Text: Thomas Meyer / Bild: Geri Born

Hier findet man alle weiteren Tagebuch-Einträge