Tagebuch
Hier findet man alle weiteren Tagebuch-Einträge
05.09.2008
Zürich ist dunkler als Basel!

Obwohl wir bei unserer ausgedehnten, 2-tägigen Tournee durch die zwei einzigen Schweizer 'Darkrooms der Kultur' weder in Basel noch in Zürich etwas sahen, ist es doch erstaunlich, wie unterschiedlich Räume sein können, selbst wenn man keine Ahnung hat, wo sie anfangen und wo sie aufhören.
Für ein Mal ist Zürich kleiner als Basel, immerhin aber leicht schwärzer, nicht nur, was den Humor betrifft.
Die Idee, einen Abend lang im Stockdunkeln zu verbringen, dabei ein 3-Gang-Menü zu speisen, sich mit Freunden und anderen zu unterhalten und sogar noch Kultur zu geniessen, ist grossartig – der Besuch sollte zur Allgemeinbildung gehören!
Das schönste ist, dass wir uns endlich mal nach einer Vorstellung mitten ins Publikum setzen konnten, ohne dass irgendwer was davon bemerkt hätte. Und wenn man dann einen Kaffee bestellt und auf die Frage 'mit Milch und Zucker?' antworten kann: 'danke, ich nehm ihn schwarz', dann hat das noch selten soviel Sinn gemacht wie hier.
Wir werden uns in der BlindenKuh NIE mehr blicken lassen! Dies aber regelmässig. Versprochen.
© Basellandschaftliche Zeitung / MLZ
BILDER ENTSTANDEN IM KOPF
Ursus & Nadeschkin bestreiten das erste Kultur-im-Dunkeln-Gastspiel der Saison im Restaurant «blindekuh».
Stellt man sich einen Auftritt des Komikerduos Ursus & Nadeschkin im Dunkeln vor, taucht bei manchem wohl die Frage auf: Durch was unterscheidet sich ein solcher Anlass vom Genuss eines Hörspiels, vom Anhören einer Aufnahme? Genau mit dieser Frage scheinen Ursus & Nadeschkin gerechnet zu haben und sie nehmen sie gleich zu Beginn ihres Auftritts vorweg, indem tatsächlich zuerst ein Band abgespielt wird. Nach und nach erobern aber der echte Ursus und die echte Nadeschkin die Bühne und machen dem Band den Garaus.
Damit ist die Frage zu den besonderen Aufführungsbedingungen geklärt und der Hörtheaterabend im Stockfinstern kann beginnen. Obwohl noch zusätzlich mit der Raumorientierung im Dunkeln hätte gespielt werden können, behalten die beiden Komiker die frontale Theatersituation bei › vermutlich aus rein praktischen und unfalltechnischen Gründen. So geht es im Folgenden fast ganz wie von dem Komikerduo gewohnt zu und her und die optischen Effekte werden durch umso mehr Sprachwitz wettgemacht.
Ihr Programm fürs Dunkle, das sie eigens für die «blindekuh» zusammengestellt haben, trägt den Namen «Eine gute Stunde», und es ist wie so häufig bei Ursus & Nadeschkin ein endlos scheinender Prolog, der über die vielen tückischen Stolperfallen des Anfangens hinauszukommen sucht. Sie stellen sich dem (und das) Publikum vor (denn es ist ja dunkel). Sie klären ausführlich die Kostümfrage, wobei die Garderobe praktischerweise auf die Bühne verlegt werden kann und Ursus zum ersten Mal merkt, dass Nadeschkins Wuschelfrisur gar keine Perücke ist. Und schliesslich streiten sie sich endlos und immer wieder über ihre unterschiedlichen Vorstellungen, wie die einzelnen Darbietungen jeweils im Detail auszuführen sind.
Trotzdem gelingt es den beiden clownesken Künstlern inmitten der An-, Ab- und Unterbrüche das ABC der – im weitesten Sinne – darstellenden Künste durchzubuchstabieren: P wie Pantomime, S wie Shakespeare, L wie Liederabend oder D wie Diashow. Dabei sind die meisten Genres eigentlich hoffnungslos ungeeignet für eine Vorstellung im Dunkeln. Doch für Ursus & Nadeschkin scheint das kein Hindernis zu sein. Ihnen gelingt es die Imaginationskraft des Publikums auf geschickte Art und Weise herauszufordern, so dass etwa bei Programm-punkt T wie Tierdressur nach Verlassen des Restaurants der Eindruck bleibt, man habe die 14 mongolischen Rotkatzen, wie sie im Kreis herumgehen und vor Anstrengungsschweiss triefen, tatsächlich gesehen.
(Sarah Herwig)

