Tagebuch
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20.11.2008
© Badische Zeitung

Kreativ und dabei unverkopft
Das Programm endet so: Rund 850 Menschen, ganz seriöse Leute zumeist, balancieren eine Petflasche auf dem Kopf, halten die Arme seitlich ausgestreckt, wedeln mit den Händen und intonieren im Chor: Ich habe eine recycelbare Wasserflasche auf dem Kopf… Sieg, Satz und Rekord – Weltrekord! Ursus und Nadeschkin hatten die Menge dazu gebracht, sich mit höchstem Spaß und reinster Freude derart unernst zu gebährden. Und dem Paar auf diesem Weg doch noch zum ersehnten Eintrag ins Buch der einzigartigen Leistungen zu verhelfen.
Dass die beiden Schweizer seit mehr als 20 Jahren gemeinsam auf der Bühne stehen, ist kaum zu fassen: Ursus und Nadeschkin, deren Kunst mit Clownerie nur unzureichend beschrieben und ziemlich konkurrenzlos ist, sind so jung und agil wie am ersten Tag. Fürs Gastspiel im Burghof hatten sie sich vorgenommen, etwas ganz Besonderes abzuliefern, und tasteten sich spielend und streitend, immer wieder Neues ersinnend, über den Abend hin an den Zenit heran: den Weltrekordversuch im Synchronsprechen. Obwohl sie in dieser Disziplin durchaus Übermenschliches leisteten, mit großem Ernst über vier Minuten und 20 Sekunden teils aberwitzige Silbenkombinationen im perfekten Duett intonierten, sprach ihnen eine erbarmungslose Jury aus dem Off den Titel ab. Großer Frust, tiefe Trauer – neue Idee: Im Verein mit dem Publikum müsste das Projekt unter anderen Vorzeichen noch zum Erfolg zu führen sein. Das endete dann in dem eingangs beschriebenen Bild. Ein herrlich alberner Schlusspunkt war das unter einen Abend voller Leichtigkeit und Witz.
Sie tun die albernsten Dinge mit dem größten Ernst
Ursus und Nadeschkin agieren auf höchstem artistischem Niveau wie Kinder: so kreativ verspielt, so chaotisch, so unbefangen, so unverkopft. Sie tun auf liebenswerte Art sehr alberne und unbedingt zweckfreie Dinge mit dem größten Ernst. Sie machen aus Wenigem viel – im Spiel. Reagieren mit kindlicher Freude auf kleine Siege und unverhüllter Trauer aufs komische Scheitern. Wenn es um Wünsche geht, fragen sie nicht nach dem Preis. Nadeschkin, im ersten Teil ins gewohnte Zitronengelb gehüllt und über die Bühne quirlend wie Quecksilber, würde so gern mal "indoor" im Regen stehen. Um die Sprinkleranlage in Gang zu setzen, müsste man halt ein Feuerchen machen. Ursus kann das mit Mühe verhindern – er ist der geringfügig vernünftigere, der ihrem Temperament, dem Tempo ihrer Einfälle und Gedankensprünge nicht immer gewachsen ist. So balgen die beiden durch den Abend. Messen Niesen, Gähnen und Heulen in Zentimetern und haben großen Spaß daran, sich aus einer Kanne auf dem Kopf Kaffee in eine Tasse zu gießen, die auf dem Knie befestigt ist. Das ist allerreinstes Spiel.
Das wäre der Moment, sagt Nadeschkin am Ende, wo das Publikum mit dem Leben wieder selbst klarkommen müsse. Man lacht, und weiß doch, dass der heitere Satz seinen wahren Kern birgt. Ein Abend mit Ursus und Nadeschkin öffnet ein Fenster, das man nicht so gerne wieder schließt. Den ganzen Abend haben sich die beiden gemüht, etwas Besonderes zu tun, um jemand Besonderes zu sein. Dabei sind sie es von der ersten Minute an gewesen.
(Foto Mirco Rederlechner)

