Tagebuch
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10.12.2008
© Tages Anzeiger Zürich

Für die Lacher ist die Luft heuer dünner
oder
Baumann experimentiert in dünner Luft
oder
„Wir sind immer noch am suchen“
AROSA HUMOR-FESTIVAL Erstmals finden alle Vorstellungen nur noch auf Tschuggen oben statt. Das mag gut sein fürs Marketing, aber nicht unbedingt fürs Festivalflair. Der neue künstlerische Leiter Frank Baumann gesteht denn auch: „Wir sind immer noch am Suchen nach der optimalen Lösung.“
Am Freitagabend begann das 17. Humor-Festival mit den traditionel-len Aufzeichnungen von SF DRS, die im Januar ausgestrahlt werden. Nach der letztjährigen Pause führten Ursus & Nadeschkin wieder mit viel Schalk durchs Programm.
Auf die diesjährige Ausgabe passierten ja die grössten Zäsuren in der Geschichte des Festivals: Nach Meinungsverschiedenheiten über Programm und Ausrichtung demissionierte 2007 der langjährige Leiter Martin Vincenz, und überraschenderweise verliess heuer auch OK-Präsident und Kurdirektor Hans-Kaspar Schwarzenbach Arosa – nicht ohne mit Frank Baumann noch einen reputierten neuen künstlerischen Leiter aus dem Hut gezaubert zu haben. Gespannt erwartete man das erste Programm des stets polarisierenden Werbers und Satirikers. Mit Aussagen, dass er am liebsten schräge Kombinationen wie Peach Weber mit Tom Waits präsentieren würde, hatte ex-Mr. Ventilator selbst hohe Erwartungen geweckt. Gemessen daran erscheint das diesjährige Programm wenig spektakulär. Es weist zwar zahlreiche Rosinen auf, etwa mit der überfälligen Arosa-Premiere von Josef Hader, der Rückkehr der Clownlegende Jango Edwards oder den frivolen Variétéshows von Monika Gruber und Konrad Stöckel. Mit einem Drittel „Repeatern“ setzt aber auch Baumann noch eher auf ein sicheres als gewagtes Programm. Doch Achtung: die Knüller hat er wohl schon noch im Köcher – nur brauchen Top Acts etwas mehr Vorlauf. Das nächstjährige Line-up steht denn auch bereits, und an 2010 ist er auch schon dran. Das hat aber den Nachteil, dass er aktuelle neue Programme nicht berücksichtigen kann, wie heuer etwa von Joachim Rittmeyer. Apropos Tom Waits: für keinen andern Künstler wurden so viele E-mails verschickt...
Zelt als „unique Visual“
Mehr Staub, pardon Schnee aufgewirbelt haben konzeptionelle Änderungen – wiederum aufgrund Baumanns letztjähriger Äusserungen. Da betonte er nämlich noch, dass er keine grosse Veränderungen vorzunehmen gedenke, höchstens „das Dorf intensiver zu bearbeiten“. Passiert ist indes das Gegenteil: Dadurch, dass nun auch die Abendvorstellungen im Zelt stattfinden, ist das Festival dem Ort quasi entzogen worden. Baumann und Schwarzenbach hatten dafür valable Gründe. Vor allem: sie wollten das Zelt als einmaliges Markenzeichen noch mehr herausheben. Dazu liessen sich durch die Konzentration auf einen Schauplatz Kosten sparen. Schliesslich war der Kursaal seit Jahren in Diskussion, weil seine Kapazität mit 220 Plätzen oft zu gering und die Akustik schlecht war. Die Rede war allerdings viel eher davon, am Obersee noch ein kleineres Zelt aufzustellen, statt ganz auf Tschuggen zu dislozieren. Und was wohl zu wenig bedacht wurde: dass der Kursaal bislang vielen Künstlern genau den intimen Rahmen für einen erfolgreichen Auftritt geboten hat, der im grossen Zelt fraglich gewesen wäre. Ganz zu schweigen von den bei Kennern beliebten und teils auch gewagten Late-Night –Vorstellungen, die nun ersatzlos entfallen.
Zweite grosse Neuerung ist das Vorziehen der TV-Aufzeichnung an den Beginn des Festivals statt damit die schwachen Tage zur Wochenmitte zu überbrücken. Mindestens die Hoteliers scheinen darüber glücklich zu sein: „Jetzt konnten wir endlich gescheite Wochenpackages zusammenstellen“, meint etwa Hitsch Leu vom Hotel Eden. Und Thomas Blatter vom Hotel Bellavista spricht von 60 Prozent Zunahme bei den Arrangements. Ob sich allerdings so viele Besucher anziehen lassen, um die über 2500 Plätze der drei täglichen Vorstellungen einigermassen zu füllen, bleibt fraglich. Das Festival kann zwar schon zur Eröffnung mit 12500 Zuschauern einen neuen Rekord vermelden. Doch es gibt auch eine andere Betrachtungsweise: weil die Anzahl der Plätze insgesamt fast verdoppelt wurde, sind zu Beginn des Festivals erst gut die Hälfte der Billette abgesetzt; selten waren so wenige Vorstellungen ausverkauft, an etlichen Wochentagen sind erst 200 -300 Plätze besetzt. Deshalb wurden auch kurzfristig Ticketaktionen lanciert (Schuleinladungen, Sportvereine, Firmenangebote, Thailand-Reisende…)
Günstige Verpflegung – teure Karten
Klar ist, dass durch diese verstärkte Ausrichtung aufs Zelt für die Besucher in Tat und Wahrheit ein gut Teil des Festivalflairs verloren geht. Während man früher in aller Ruhe eine der Nachmittagsvorstellungen besuchen, ins Hotel pilgern und sich fürs Nachtessen und eine der Abendvorstellungen zurecht machen konnte, muss man sich nun in der überfüllten Tschuggenhütte mit einem überteuerten Standardmenu zufrieden geben oder in Winterverpac-kung eigens nochmals auf die Alp hochstiefeln.
Aufgrund der Preisentwicklung bei den Tickets dürften viele Besucher allerdings gar nicht mehr in Betracht ziehen, mehr als eine Vorstellung pro Tag zu besuchen: innert 6 Jahren verteuerten sich nämlich die Billette von 30 auf 50 Franken. Damit ist sicher die Schmerzgrenze erreicht, zumal dafür heuer nicht mal mehr Doppelprogramme geboten werden, wie das beim Humorfestival üblich und geschätzt war.
Frank Baumann räumt nun frank und frei ein, dass er zu seinem Start vielleicht Einiges unterschätzt habe; „ich weiss durchaus nicht alles besser und lass mich auch belehren“. So habe er einen ganzen Rattenschwanz von logistischen Problemen, welche diese Zeltkonzentration mit sich bringe, zu wenig bedacht; sie würden allerdings von der neuen Festivalcrew hervorragend gemeistert. Gleichwohl kann er jetzt schon versprechen, dass nächstes Jahr abends wieder im Dorf untern gespielt werde – wo auch immer. Ein erster Testlauf Freitagnacht im Kulm Hotel war jedenfalls ein Fingerzeig. Und Animation müsse natürlich auch wieder her.
Statt Blache und Stern ein Füller
Hinter andern Neuerungen kann Baumann hingegen voll und ganz stehen. Vor allem den neuen Auszeichungen. Da wäre einmal die Arosa Humorschaufel (siehe Kasten). Und der beste Künstler soll nach der Gefrorenen Zeltblache und dem Schneestern neu mit dem Arosa Humor-Füller prämiert werden „Statt einer klobigen Skulptur, die bestenfalls verstaubt, in einigen Fällen aber auch schon im Sperrmüll entsorgt wurde, möchten wir den Gewinner animieren, mit dem Füller seine Gedankenblitze festzuhalten“, so Baumann. Neu kann das Publikum per SMS abstimmen –dabei geht es aber nur um einen Wettbewerbsgewinn; die eigentliche Erkürung nimmt eine Fachjury vor.
Wer weiss, vielleicht wird ja der Arosa Füller dereinst so berühmt wie etwa der Goldene Leopard. Wenn einer das Zeug hat, Arosa ausserhalb der Kleinkunstszene doch noch zu vergleichbarer Reputation zu bringen wie Locarno beim Film oder Montreux mit dem Jazz (so wies die Vision von Festivalgründer Florenz Schaffner war), dann jedenfalls Baumann. Wetten, dass er davon gar nicht mehr weit entfernt ist, falls etwa 2010 doch noch Tom Waits ins Schanfigg kommen sollte?
(Text: Peter Hummel, Foto: Nadesch)

