Tagebuch
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14.05.2002
Die Perücke ist echt

(Foto: Geri Born)
Noch immer werde ich täglich mit der Frage gepiesackt, ob denn meine Haare echt sind. Darum möchte ich hier einen Text veröffentlichen, der zwar nicht ganz neu ist, aber anscheinend nichts an Aktualität verloren hat:
«Keine Angst, die Perücke ist echt!»
Kürzlich fuhr ich mit einem noblen englischen Herrn, den ich nicht kannte, in einem ebenso noblen Fahrstuhl eines Hotels nach oben. Man hatte genügend Zeit, sich gegenseitig in allen Spiegeln zu betrachten. Sein Interesse an mir war allerdings so gross, dass er die obligate Stille im Aufzug brach und mich fragte «Excuse me Miss, is this a hat?» «No, it‘s my hair», antwortete ich ehrlich, stieg aus und liess den erschrockenen Mister im Lift zurück.
Ich hätte natürlich auch «Ja» sagen können, «natürlich ist das ein Hut, was denn sonst? Haare vielleicht?», aber das hätte mir sein Starren und jenes seiner feinen Frau beim späteren Frühstück wohl auch nicht erspart. Egal, wie gut die Leute erzogen sind, eines können sie alle: Gaffen, ohne Ende, unerbittlich, mit leichtem Ekel, und dabei glauben, der Begaffte merke es nicht.
Ich trage also Dreadlocks oder Rastas, was übersetzt so viel heisst wie Filzlocken. Das ist keine Krankheit und auch kein genetischer Defekt, das hat man freiwillig, weils einem gefällt, und einem grad passt. Auch wenns keiner glaubt, es ist eine Frisur, ein moderner «Afrolook» quasi, und es gibt dafür sogar einen Frisör, wenn man will, oder eine Religion, oder einen Bob Marley als Vorbild. Natürlich, Rastas können mehr sein als ein einfacher Look. Wer sie hat, will sich vielleicht outen, will sagen, «Ich bin ein Rastafari, ich glaube an Zion und an Marihuana», oder auch nicht, und man schert sich nicht drum, will nur diese Strömung kopieren, ohne den Inhalt zu kennen, einfach weils cool ist. Meine Generation!
«Lueg Mami, d‘Frau hätt Spaghetti-Haar!», «säged Sie, isch die Perügge ächt?», «da isch ja de Hund no besser gschträhled!» Wenigstens wird hinter meinem Rücken so laut geredet, dass ich - wie Sie sehen - mitschreiben kann. Ab und zu passiert es sogar, dass alte Damen, zum Beispiel im Tram, hinterrücks an meinen Strähnen zupfen und sich dann wundern, wenn mich so was nervt. Was, wenn ich mich bei diesen vorwitzigen Weiblein, die altersbedingt meinen, plötzlich alles zu dürfen, in diesem Moment revanchieren würde? «Entschuldigen Sie, ich wollte nur kurz Ihre toupierte Fönfrisur kraulen! Wie lange haben Sie die schon? Färbt die blau ab?»
Apropos: Natürlich kann ich sie waschen, wenn Sie, Leser, sich das jetzt zwischen den Zeilen fragen. Sogar mit Shampoo! Da fällt mir nichts vom Kopf, da bricht nichts ab, nur kämmen geht nicht, und Fönen dauert lang. Dreadlooks sind keine «Dreck-Locken» und keine Nistplätze für Läuse... aber, egal. Was fremd ist, weckt Misstrauen, und dieses sitzt tief. In Banken und Ämtern beweg ich mich geläutert, unscheinbar, mit Mütze. Das hab ich gelernt. Dann sind alle netter, nur das bringt Kredit.
Am Besten ist aber, man erkennt mich, wegen der Frisur, als «die vom Zirkus». Dann wird's noch netter!
Rastas können tatsächlich salonfähig werden, sind plötzlich nicht nur «gruusig» in den Augen der Gaffer, sondern werden toleriert, als Markenzeichen. Selbst die nobelsten Damen und Herren nicken mir heute mit Anerkennung zu und tun irgendwie so, als ob sie «es» nicht sähen. Nur manchmal, beim tausendsten Interview, wenn zum Beispiel die schlecht vorbereitete Journalistin den Anfang macht: «Ach, Sie hätten die Haare nicht extra anziehen müssen», geb ich gern wenig später zu Protokoll: «Das ist keine Perücke, diese Schupfnudeln sind echt. Ich wasche sie mit Fritieröl und warmem Coca-Cola!»
Sie wird das brav aufschreiben, Sie werdens lesen - und glauben!
(Kolumne von Nadeschkin, erschienen in der Berner Zeitung, Februar 2002)

