Tagebuch
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07.11.2010
Feedback aus Schaffhausen

>>> SCHAFFHAUSER NACHRICHTEN, 6.11.
DIE KUNST, MIT DER KUNST ZU SPIELEN
«Wenn man die Schweiz aufräumt, wird daraus Österreich» – auf diese Idee muss man auch erst einmal kommen. Für Ursus Wehrli ist sie in seinem Programm «Kunst aufräumen» völlig normal. Inspiriert von einem Gemälde von Paul Klee, das angeblich während Jahren über seinem Frühstückstisch hing, ging er daran, Kunstwerke neu und klar zu ordnen. Klees Vierecke werden sortiert, Kandinskys wilde Figuren fein säuberlich zerlegt und dann statistisch aufbereitet. Mit Miró – «den kennen Sie sicher von Bettdecken- und Käsebrettlimustern» – geschieht das Gleiche.
Wie in vollstem Ernst
Wehrli, sonst vor allem bekannt vom Duo Ursus & Nadeschkin, präsentiert die abstrusesten Ideen in scheinbar vollem Ernst und bringt so das Publikum immer wieder zum Lachen. Der wirre U-Bahn-Plan der Stadt Wien wird klar geordnet: Da alle Stationen, dort alle Stationsnamen, darunter die einst krummen Linien in klaren Geraden. Aus Meret Oppenheims berühmter Tasse mit Pelz wird eine Porzellantasse und ein Hase, eines von Van Goghs Sonnenblumenbildern wandelt sich zu einer Flasche mit Sonnenblumenöl und Breughels belebter Marktplatz wird geräumt, indem die Leute, die ihn bevölkern, nach Hause geschickt werden und schliesslich – Ordnung muss sein – in einem Staubsauger verschwinden. Das Ganze ist so abstrus, wie es tönt. Darum wundert sich wohl keiner der Zuschauer, dass Wehrli bei der obligaten Zugabe, die das heftig applaudierende Publikum herbeiklatscht, die Schweizer Flagge aufräumt und aus dem sperrigen Kreuz eine saubere Gerade macht – oder eben: «Wenn man die Schweiz aufräumt, wird daraus Österreich. Das Musikduo Schertenlaib & Jegerlehner, hinter dem Kunstnamen verbergen sich Michel Gsell und Gerhard Tschan, rundet die gelungene Vorstellung ab. Sie scheinen in allen Musikstilen zu Hause. Ein Emmentaler Reggae, der Ländler und Jamaica vereint, ist ebenso wenig ein Problem wie ein Naturjodel oder ein spanischer Flamenco. In komödiantischem Talent stehen sie Wehrli auch kaum nach: Jegerlehners Imitation einer wiederkäuenden Kuh etwa rief Lachstürme hervor.
Spielerische Variationen
Die beiden so gegensätzlichen Präsentationen passen zudem bestens zusammen, weil die beiden Berner Wehrlis Ideen aufnehmen und musikalisch variieren – als Höhepunkt eine Neufassung von Beethovens «Elise», deren Notenlinien und Noten Wehrli zuvor ebenfalls aufgeräumt hat. Dass Ursus Wehrli auch ein glänzender Improvisator ist, bewies er zum Schluss, als er zwei seiner Werke zusammen mit dem Original versteigerte. Zu jedem Gebot fiel im etwas Originelles ein, ohne dass er je plump geworden wäre. Kabarett, wie es sein muss – und meilenweit entfernt von Comedy, die heute so im Schwang ist.

