Ursus & Nadeschkin

Tagebuch

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20.09.2011

© Zentralschweiz am Sonntag vom 18.09.2011

 © Zentralschweiz am Sonntag vom 18.09.2011

«Die Ideen klopfen an die Türe»

Ursus und Nadeschkin stehen seit 24 Jahren gemeinsam auf der Bühne. Mit dem erfolgreichsten Clownpaar der Schweiz ein ernsthaftes Interview zu führen, ist gar nicht so einfach – wir versuchten es trotzdem.

Wisst ihr nach all den Jahren auf der Bühne überhaupt noch, warum die Leute über euch lachen?
Nadeschkin: Lustigerweise wissen wir das immer weniger. Man neigt ja eigentlich dazu, dass man gern wüsste, wie es geht, wie der Humor funktioniert. Weil das einen beruhigen würde. Aber sobald man meint, man hätte den Trick raus, dann funktioniert es nicht mehr.
Ursus: Aber wir wundern uns eigentlich sowieso je länger, je mehr, warum uns so viele Leute lustig finden, ganz im Ernst.

Wie meinen Sie das?
Ursus: Wir werden immer schräger und skurriler mit dem Alter.
Nadeschkin: Früher waren wir zwar auch schon schräg, aber wir sind jetzt wieder mutiger als vor zehn Jahren.
Ursus: Natürlich haben wir auch kommerzielle Seiten, die fernsehtauglich sind. Aber gerade bei Live-Auftritten haben wir Sachen drin, die etwas sperrig sind und bei denen man vielleicht nicht auf Anhieb den Witz versteht. Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute überhören das ...
Nadeschkin: ... sie vertrauen uns, dass es am Schluss dann doch noch lustig ist ...
Ursus: ... viele denken: Das kommt schon gut, die wissen ja schon, was sie machen (lacht).

Könnt ihr ein Beispiel machen?
Nadeschkin: Ich habe einmal eine Pointe angepeilt, die gar keine ist. Urs erzählte etwas von einer Wüste. Ich fragte, ob es die gleiche Wüste sei und spielte damit auf einen Witz an, in dem zwei Enten durch die Wüste gehen. Er sagte: Nein, das sei jetzt auch wurst. Ich fragte: Ist es die gleiche oder nicht? Er meinte darauf wieder, dass das jetzt doch egal sei. Und so ging es hin und her, bis er sagt: Miinetwäge di gliich – und ich fange an zu lachen, als ob das eine Pointe wäre. Und der ganze Saal lachte mit, aber niemand wusste, warum.

Was ist da der Trick dahinter?
Nadeschkin: Das ist reines Timing. Bei uns ist das generell so: Die Leute lachen oftmal nicht über unsere Witze, weil sie Sinn machen, sondern weil das Timing richtig ist.
Ursus: Wir bekommen immer wieder DVDs von Kindern, die an einem bunten Abend unsere Nummern nachgespielt und das aufgenommen haben. Da denke ich immer: Das ist ja furchtbar, was die da spielen, was wir spielen!

Sie finden Ihre eigenen Gags nicht lustig?
Nadeschkin: Genau – weil die Kinder es einfach aufsagen und das Timing total schief ist.
Seit 24 Jahren spielt ihr zusammen, immer mit den Rollen Ursus und Nadeschkin. Warum probiert ihr nicht mal etwas anderes aus?
Ursus: Das werden wir oft gefragt, die Antwort ist einfach: Eigentlich sind wir Clowns, und die wechseln ihre Rolle nicht.
Nadeschkin: Charlie Chaplin hat auch immer Charlie Chaplin gespielt.
Ursus: Mit dem Wort Clown gehen wir aber sparsam um, weil die Bezeichnung immer noch einen komischen Anstrich hat, da assoziiert man häufig Pappnasen und Zirkusklamauk. Aber wir verstehen uns als eine moderne Art von Clowns. Und als solche spielen wir immer die gleiche Figur, und mit unserem Älterwerden werden auch unsere Figuren immer facettenreicher und vielschichtiger.
Nadeschkin: Wir sind ja auch die Autoren unserer Figuren. Wenn wir ein Stück schreiben, dann entwickeln wir aus Improvisationen heraus unser Material. Und dabei kommt Authentisches heraus, die Rolle hat also viel mit uns selbst zu tun.

Wie ähnlich sind sich denn Nadja Sieger und Nadeschkin?
Nadeschkin: Da gibt es grosse Unterschiede, ich bin als Privatperson ganz anders. Aber natürlich habe ich sehr viel von der Nadeschkin, sie ist aber wesentlich einfacher gestrickt als ich.
Ursus: Häufig überzeichnen wir eigene Charakterzüge – oder man verdreht das Ganze. Zum Beispiel bin ich auf der Bühne pedantischer, und Nadja macht eher auf Laisser-faire.

Ein falsches Bild?
Nadeschkin: Ich bin im wirklichen Leben der Pedant (lacht).

Ist bei den Nummern alles vorgegeben, oder improvisiert ihr auch?
Nadeschkin: Bei einzelnen Stücken, wie etwa in unserem aktuellen Programm «Zugabe», haben wir relativ viele Freiheiten. Es gibt Abschnitte, wo wir nichts eingeprobt haben und einfach schauen, was passiert.

Ist das nicht heikel?
Ursus: Ja klar, aber das ist auch spannend für uns. Im Notfall gehen wir zum nächsten einstudierten Punkt und fahren dort weiter. Es ist übrigens interessant, dass die Leute oft bei improvisierten Szenen das Gefühl haben, sie seien einstudiert – und umgekehrt.

Führt ihr Buch über die Auftritte?
Ursus: Ja, ich mache gerne Listen und Protokolle. Die ganz aktuelle Zahl habe ich nicht im Kopf, vor eineinhalb Jahren waren wir bei 2600. Ich muss das wieder mal nachführen.

Sie kennen sich gegenseitig sehr gut, besser als manches Ehepaar – gibt es da auch Dinge, die einem beim anderen auf die Nerven gehen?
Nadeschkin: Nein, überhaupt nicht.
Ursus: Wir sind ein Herz und eine Seele (beide lachen). Nein, im Ernst: Wir sind nicht zuletzt auch darum schon so lange zusammen, weil wir uns auf die Nerven gehen dürfen. Wir hatten von Anfang an immer Reibereien. Aber genau das war auch immer schon Bestandteil unserer Energie. Mittlerweile kennen wir uns so gut, dass wir nicht mehr so Auseinandersetzungen haben, aber wir inspirieren uns auf andere Weise
Nadeschkin: Genau. Du musst herausfinden, was der andere braucht, um sich zu entfalten. Von einem Fisch erwartet man ja auch nicht, dass er fliegt. Aber wenn man aufhört, genau das zu erwarten, dann passieren spannende Dinge. So ist das heute mit uns.

Was schätzt ihr aneinander am meisten?
Nadeschkin: An Urs schätze ich sehr, dass ich mit ihm so schön pingelig sein kann. Wir machen immer weiter, gehen dorthin, wo andere schon längst aufhören würden. Und ich habe auch mit niemandem sonst diesen Humor. Wenn wir länger nicht zusammen sind, fehlt mir das.
Ursus: Wir sind beide – zum Glück – Freunde von Problemen, von Unnötigem.

Zum Beispiel?
Nadeschkin: Wir machen im Moment unnötige Video-Newsletter und übersetzen die auch noch in Gebärdensprache. Ein Höllenaufwand, und es interessiert nur ein ganz kleines Publikum. Aber wir haben grosse Freude daran.

Nadja Sieger, Sie sind kürzlich Mutter geworden, Sie, Urs Wehrli, haben auch einen Sohn. Wie geht das Familienleben zusammen mit den vielen Auftritten?
Nadeschkin: Für mich ist das noch Neuland, wir werden es sehen. Aber ich habe einen lieben Jungen, der keine Probleme macht, dann ist es sicher auch nicht so kompliziert mit allem.
Ursus: Geändert hat sich, dass wir nicht mehr so viel ins Ausland gehen. Aber das macht nichts.
Nadeschkin: Früher waren wir sehr viel im Ausland. Wir haben neue Stücke immer zuerst im englischsprachigen Ausland auf Englisch entwickelt.

Können Sie denn so gut Englisch?
Nadeschkin: Nein, überhaupt nicht. Das ist auch wieder so was: Es ist unnötig, kompliziert, unsinnig und teuer (lacht).

Warum tun Sie es dann?
Nadeschkin: Es gibt keinen zwingenden Grund, ausser, dass wir den Begriff «Neuland» wörtlich nehmen. Weil wir es in einer Sprache machen, die uns fremd ist, kommen wir auf schrägere Ideen.
Ursus: Wir haben dann meist auch die Stücke im Ausland schon mal vor Publikum gespielt – mit unserem schlechten Englisch.
Nadeschkin: Wir sind freier im Ausland. In der Schweiz muss das Stück schon von Anfang an perfekt sein. Das Publikum hier ist schnell bereit zu sagen, dass das frühere Programm besser gewesen sei. Damit zerschlagen sie alles, und es ist als Künstler extrem schwierig, Neues zu kreieren. Eigentlich hast du keine Chance: Entweder wollen die Leute das Gleiche wie vorher – einfach besser. Oder du machst etwas ganz Neues, wenn das aber vielleicht noch etwas wacklig ist, dann fällt es durch.

Also ist die Schweiz ein heikles Terrain?
Nadeschkin: Ja, die Leute sind super, weil sie kritisch sind, aber wenn du etwas Neues machen willst, ist es schwierig.

Urs Wehrli, Sie waren in jungen Jahren sieben Monate im Wauwilermoos im Gefängnis, weil Sie den Militärdienst verweigerten. War das eine schwere Zeit?
Ursus: Es geht, ich hatte eine schöne Aussicht.
Nadeschkin: Manchmal will der Urs zurück ins Gefängnis, weil es dort so ruhig ist.

Im Ernst?
Ursus: Ja, denn eigentlich habe ich wahnsinnig gerne meine Ruhe. Vielleicht wäre ich auch Einsiedler geworden auf einer Alp – wenn ich nicht Nadja kennen gelernt hätte. Mit ihr muss ich ständig diese Sachen machen (lacht). Im Ernst: Ich hatte im Gefängnis so viel Zeit wie noch nie in meinem Leben, das war toll.

Wie geht es mit Ursus und Nadeschkin weiter?
Nadeschkin: Um unsere Zukunft mache ich mir keine Sorgen. Unser Luxus ist, dass wir die Ideen nicht loswerden. Urs sagt immer, die Ideen klopfen an der Türe, nur ist meistens niemand zu Hause. Und wir schauen einfach, dass wir ab und zu zu Hause sind, wenn sie anklopfen.

Aber es gibt schon auch ein Privatleben bei euch? Oder bleibt dafür keine Zeit?
Ursus: Wir haben immer mehr Privatleben, seit wir Familie haben sowieso. Wir schaufeln uns die Zeit frei.

Und da seid ihr ganz normal?
Ursus: Ja, ja, gestern badete ich zum Beispiel mit meinem Sohn im Türlersee.
Nadeschkin: Und ich habe ein relativ grosses Hobby: Ich singe und tanze leidenschaftlich gern. Letzten Sonntag hatte ich 50 Leute bei mir zu Hause, und wir haben bis tief in die Nacht hinein gejamt.

Wollen Sie damit nicht auch mal auf die Bühne?
Nadeschkin: Nein, das funktioniert nicht. Sobald ich auf die Bühne gehe und singe, denken die Leute, dass ich dann doch noch den einen oder anderen Witz erzähle. Und wenn ich singe, dann singe ich und will nicht lustig sein.

Die Comedy-Szene boomt seit Jahren. Gefällt euch, was andere machen?
Ursus: Ja, durchaus. Die Formationen, die gute Arbeit machen und dran bleiben, die kommen auch auf einen grünen Zweig. Und wie gesagt: Die Leute in der Schweiz sind anspruchsvoll.
Nadeschkin: Genau. Das Schweizer Publikum ist super – weil es eben nicht alles frisst.

Kasten:
Ursus und Nadeschkin sind ein Kabarett-Duo, das 1987 von Nadja Sieger alias Nadeschkin (22. Mai 1968 in Zürich) und Urs Wehrli alias Ursus (13. August 1969 in Aarau) gegründet wurde. Urs Wehrli, gelernter Typograf, und Nadja Sieger, frisch gebackene Maturandin, lernten sich bei einem Zirkusworkshop in Deutschland kennen und arbeiten seither erfolgreich zusammen.

In ihrer 24-jährigen Zusammenarbeit entstanden sieben abendfüllende Programme (unter anderem «Hailights», «Weltrekord», «Ursus und Nadeschkin – solo»), 2002 spielten sie eine Saison beim Circus Knie, hinzu kommen zahlreiche Engagements im Ausland und Auftritte im Fernsehen. Neben ihren eigenen Auftritten engagieren sich die beiden auch in der freien Theaterszene. Das Bühnenpaar gewann diverse Preise und Auszeichnungen (unter anderem den Salzburger Stier 2001 und den New Yorker Fringe Award 2000). Mit ihrer eigenständigen Situationskomik und einem absurden Humor gelten sie heute als das erfolgreichste und renommierteste Bühnen- beziehungsweise Clownpaar der Schweiz.

Urs Wehrli ist zudem als bildender Künstler tätig, mit dem Projekt «Kunst aufräumen» zerschneidet er bekannte Bilder und setzt sie geometrisch neu geordnet wieder zusammen (Neues Buch: «Ursus Wehrli, die Kunst, aufzuräumen», 48 Seiten, zirka 28 Franken, www.kunstaufraeumen.ch).

Am 29. September spielen sie in Altdorf das Stück «Zugabe», 20 Uhr Theater Uri, Ticket-Center Uri, 041 874 80 09 oder www.ticketcenter-uri.ch

Im Dezember starten Ursus und Nadeschkin wegen grosser Nachfrage mit der Wiederaufnahme der Produktion «Orchestergraben» (KKL, 22. 12. 2011 und 13. 1. 2012).

Weitere Infos: www.orchestergraben.ch
Interview Robert Bossart

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