Ursus & Nadeschkin

Tagebuch

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04.09.2012

© Berner Zeitung

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SMD Schweizer Mediendantenbank AG
© Berner Zeitung; 05.09.2012
BZ Ausgabe Stadt + Region Bern kultur

«Wir sprechen nicht dieselbe Sprache»
Ursus & Nadeschkin · Es ist seit 25 Jahren unterwegs, das erfolgreichste Schweizer Comedyduo Ursus & Nadeschkin. Nun feiert es mit dem ersten Programm, seit beide Eltern geworden sind, Premiere. Trotzdem dreht sich «Sechsminuten» nicht ums Windelwechseln, sondern ums Tanzen.

Ist «Sechsminuten» nicht ein etwas kurzer Titel für ein abendfüllendes Programm?
Nadeschkin: Es gibt doch den Ausspruch, dass man nach zwei Stunden auf die Uhr schaut und den Eindruck hat, als wären erst zehn Minuten vergangen. Bei uns ist es genau umgekehrt! In «Sechsminuten» verpacken wir zweieinhalb Stunden Material!

Sind Ihnen Timing und Tempo nach 25 Jahren noch gleich wichtig wie am Anfang?
Ursus: Als Bühnenschaffende haben wir den Auftrag, zu unterhalten. Wir machen es aus der clownesken Sicht der zwei Bühnenfiguren, die das möglichst gut machen wollen und trotzdem immer wieder scheitern.

Müssen Sie auf Distanz gehen, um sich zu inspirieren?
Nadeschkin: Nein, wir brauchen Zeit, denn auf Tournee fehlt sie, da haben wir immer bis kurz vor Vorstellungsbeginn Probleme zu lösen. Danach müssen wir nochmals durchsprechen, was funktioniert hat und was nicht.
Ursus: Wir treffen uns am Anfang einer Produktion immer ohne Konzept, nur mit ganz vielen Zetteln, die wir an eine Wand heften, um dem anderen zu erklären, was uns fasziniert.
Nadeschkin: Es kann sein, dass ich etwas vorschlage, er mich komisch ansieht, eine Frage stellt, die ich total zusammenhanglos finde, und erst nach einer Stunde finden wir heraus, was dahintersteckt. Missverständnisse gehören bei uns dazu, da wir oft nicht dieselbe Sprache sprechen.

Hat das Jubiläum Sie zusätzlich stimuliert, oder haben Sie auch überlegt, auf dem Höhepunkt aufzuhören?
Ursus: Wir sind nicht jubiläumsabhängig und glauben auch nicht an diese Art von Festivitäten. Wir schauen selten zurück, uns interessiert, was kommt.
Nadeschkin: Die Journalisten reden viel öfter vom Aufhören als wir selbst. Alle rundherum reden davon, weil sie es bedrohlich finden, dass wir das bereits seit 25 Jahren machen. Die Leute haben Respekt vor dieser Zahl.
Ursus: Oder sie haben Angst, dass wir es nochmals 25 Jahre machen (lacht).

Fällt es Ihnen heute schwerer, das Publikum zu überraschen oder sich selbst?
Ursus: Es ist wichtig, dass man sich selbst immer wieder überrascht. Der Bruch mit den Erwartungen provoziert und macht das ganze Leben interessanter.
Nadeschkin: Weil das Fernsehen in erster Linie Sprachkomik sendet, wissen die meisten Leute gar nicht, was wir in Sachen Bewegung drauf haben. So behaupten wir, dass das neue Programm ein Tanzstück sei. Wir wollen uns nicht mehr definieren lassen.

Comedians scheinen oft in den Erwartungen des Publikums gefangen zu sein. Da ist es schwierig, sich nicht zu wiederholen.
Ursus: Ich bewundere Künstler, die immer wieder etwas anderes machen, obwohl die Gefahr besteht, dass sie damit das Publikum vor den Kopf stossen.
Nadeschkin: Wir lehnen uns so weit raus, wie es irgendwie geht. Das lässt uns etwas schräger erscheinen als normale Comedians. Auch dank dem Tanz. Ursus’ Partnerin ist zeitgenössische Tänzerin, ich liebe Tänze aus den 20er- und 30er-Jahren. Bei uns ist das keine Verballhornung. Wir lieben diese Bewegungen.

Vom Tanzen handelt auch Ihr aktuelles Programm. Es ist das erste, das Sie beide als Eltern bestreiten…
Nadeschkin: Ein Kind zu haben, ist eine unglaubliche Bereicherung. Plötzlich hat man als Tourneekünstler eine neue Art Heimat, will nach Hause, weil dieses Wesen auf dich wartet. Ich habe extrem Freude an meinem Sohn, aber auch entdeckt, wie sehr man um einen kleinen Menschen Angst haben kann.

Wie kommen Sie zur Ruhe?
Nadeschkin: Man macht als Mutter tonnenweise Fehler und sicher die gleichen, welche die eigenen Eltern schon gemacht haben. Dieser Erkenntnis hilft dir, mit ihnen Frieden zu schliessen, macht dich sanft und bringt dich näher ans Publikum.

Wenn Sie selbst mal im Publikum sitzen: Worüber lachen Sie auf der Bühne oder im Kino?
Nadeschkin: Im Kino fand ich «The Artist» sehr schön. Ein stummer Schauspieler, der unbedingt ins Sprechkino will. Das ist komisch und absurd, ein wunderbares Märchen!
Ursus: Ich mag Sachen, die visueller und bewegter sind: Joachim Rittmeyer, Peter Spielbauer oder Ohne Rolf, die auch nicht den direkten Weg suchen. Manchmal lache ich auch gerne über simple Witze – allerdings nicht unbedingt zwei Stunden lang.
Interview: Reinhold Hönle

Werdegang: 25-Jahr-Jubiläum
Der Aarauer Urs Wehrli (43) und die Zürcherin Nadja Sieger (44) gründeten Ursus & Nadeschkin 1987. Das Comedyduo schaffte den Durchbruch 10 Jahre später mit dem dritten Programm «Hailights». Mit «Solo!» gewann es den Salzburger Stier und den Deutschen Kleinkunstpreis. Spätestens nach der Circus-Knie-Tournee im Jahr 2002 waren Ursus & Nadeschkin in der Schweiz auch dem breiten Publikum bekannt. Publikumhits wurden in der Folge «Weltrekord», «Im Orchester graben» oder der Best-of-Abend «Zugabe». Die ersten Aufführungen des neuen Programms «Sechsminuten» finden vom 5. bis 22. 9. im Winterthurer Casinotheater statt.

Foto: Bernhard Fuchs

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