Ursus & Nadeschkin

Tagebuch

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18.08.2002

Ein anderes Thema?

Ein anderes Thema?

Eigentlich wollte ich die Kolumne für die Berner Zeitung frühzeitig schreiben. Mein Plan war schliesslich, über eine anderes Thema zu schreiben als immer nur über den Zirkus. Da aber nach der letzten Vorstellung wieder viel Besuch wartete, eine spontan eingeschobene Autogrammstunde nötig wurde und ausserdem schon wieder Artisten Geburtstag feierten, kam ich nachts nicht mehr zum Schreiben - und auch nicht zum Schlafen. Dass am nächsten Morgen schönes Wetter war, bedeutete keine Zeit für die Kolumnistin, denn Sonne brauchen wir im Zirkus besser zum Requisitenstreichen oder -flicken, damit diese trocknen bis zur Nachmittagsshow.
Dabei hatte ich das Radiointerview um 13 Uhr total vergessen und die Hände voller Farbe, was nicht wirklich störte. Die Radiomenschen fanden vorläufig jemand anderen für ihre Fragen, und ich musste sowieso erst mein Kostüm auswaschen, das - wie ich zufällig entdeckte - wahrscheinlich durch das Blut des toten Futterfisches während der Seelöwennummer in der gestrigen Abendshow fleckig geworden war. Da das Wasser in der Garderobe leider aus unerfindlichen Gründen gerade kurz abgestellt wurde, landete ich beim Wasserhahn in der Zuschauertoilette, mit allmählichem Zeitdruck wegen der Vorstellung um drei. Zwei ältere Damen fanden hier den günstigen Moment, um mich ausführlich nach meinen Ahnen und Urahnen zu befragen, mit der festen Überzeugung, mit mir verwandt zu sein. Nach fünf langen Minuten des Zuhörens entschuldigte ich mich höflich und suchte einen publikumsarmen Weg zurück zur Garderobe. Mittlerweile etwas in Eile und in Gedanken beständig auf der Suche nach dem eigentlichen Kolumnenthema, übersah ich ein schräg gespanntes Drahtspannseil vom Chapiteau und war sofort neu mit einer kleinen, aber heftig blutenden Schramme auf der Nase beschäftigt. Ich suchte, statt mich zu schminken, nach einem blutstillenden Mittelchen, traf drum auf meinen Bühnenpartner in der Garderobe am Boden, Wasser aufwischend, welches gerade irgendwie aus dem kleinen Kühlschrank floss, nachdem beim Sicherungskasten der Strom kurzzeitig ausgefallen war, was wiederum eine Vielzahl von Nichten und Freunden seinerseits mit viel Neugier verfolgten, ohne helfen zu können, weil jene als spontaner Besuch Zirkus backstage erleben wollten. Die Vorstellung begann pünktlich. Ich musste meine Schreibarbeit auf die zwei Stunden zwischen Nachmittags- und Abendvorstellung legen, in jene Zeit also, wo schon neu das verschobene Interview auf mich wartete. Letzteres hatte natürlich Vorrang, und wir kombinierten es mit einem schnellen, kleinen Abendessen, das dann aber doch etwas länger dauerte, weil jedes Restaurant in Zirkusnähe immer vor der Vorstellung überfüllt ist. Ein überraschender Regenschauer setzte dem langen Reden ein Ende, denn ich rannte wider Erwarten davon, um mein zum Trocknen aufgehängtes Kostüm vor dem Gewitter zu retten.
Wenigstens bescherte mir der Regen einen kühlen Kopf und die weise Erkenntnis, doch besser über ein hautnahes Thema zu schreiben. Zum Beispiel über «Beweglichkeit und Flexibilität im Zirkus»…

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