Tagebuch
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26.10.2002
Zeitumstellung

Herbst im Zirkus ist super!
Einmal mehr fällt auf, wie sehr man im Zirkusleben den Jahreszeiten ausgeliefert ist: tagtäglich bekommt man die Witterung hautnah mit, wir sind immernoch viel an der Luft, der Wohnwagen steht im Freien (wo sonst?) und wir hören den Regen aufs Dach prasseln, die Sonne scheint durch die Fenster, und Blätter fallen durch die offene Dachluke direkt in die Dusche. Während der Vorstellung führt uns jeder Auftritt durchs Freie, der Wind zieht durch den Backstage-Eingang und die Zeltflügel flattern. Das alles ist für alte Zirkushasen nichts Besonderes, aber für uns Grünschnäbel ist es immer wieder eine Entdeckung, vor allem jetzt, wo wir dem Alltag im Sägemehl für ein paar Wochen eingetauscht hatten, gegen Betonhäuser, bodenbeheizte Wohnungen, dunkle Theater und Kellergarderoben.
Herbst im Zirkus heisst aber auch, dass man sich wieder öfters im warmen Wohnwagen aufhält, also mehr Zeit für sich hat, und darum das Leben in der Wagenburg ruhiger ist. Die Polen und Marokkaner freuen sich, bald ihre Familien in der Heimat wiederzusehen, die Artisten bereiten sich auf ihre kommenden Engagements vor, die in den meisten Fällen aus Weihnachts-Galas oder längeren Gastspielen in irgendeinem Winterzirkus bestehen.
Vielleicht nimmt man drum diese Stimmung intensiver wahr, weil über all dem bereits eine gewisse Melancholie liegt, weil alle wissen, dass auch eine so schöne Kniesaison ein Ende hat.

