Tagebuch
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11.03.2004
Schweizer Familie von Heute

Zwei wie Feuer und Wasser
Er ist der ruhige, besonnene Typ. Sie das laute, nimmermüde Energiebündel. Und genau dieser Gegensatz macht den überwältigenden Erfolg des Clown-Duos Ursus & Nadeschkin aus.
Voller Erwartungen traten sie ins Scheinwerferlicht. Sie gaben sich Mühe, lustig zu sein, strampelten sich ab auf ihren Einrädern, die zwei verspielten Strassenclowns mit ihren roten Nasen. Sie jonglierten mit Keulen und Bällen und turnten sich von einer Ecke in die andere. Doch der Applaus blieb aus, das Publikum sass regungslos auf seinen Stühlen, totenstill wars. Nach sieben endlos langen Minuten erlösten sich die Komiker selbst, brachen das Programm ab, verkrochen sich im Haus einer Freundin und wollten nach diesem Alptraum bloss noch eines: ihren Beruf «an den Nagel hängen».
Zum Glück haben sie das bleiben lassen, Urs Wehrli, 35, und Nadja Sieger, 36. Und gingen am nächsten Abend 1989 am selben Ort, am Schmidt-Theater in Hamburg, wieder auf die Bühne, zogen nach fünf Sekunden ihre roten Nasen aus. Und erzählten dem Volk im Saal, wie sie am Vortag durchgefallen waren, und erklärten, sie seien «eigentlich gar nicht lustig». «Das Publikum war begeistert», erinnert sich Nadja Sieger. Ursus & Nadeschkin waren geboren. «Unsere Ironie haben wir über Nacht aus der Not heraus kreiert.»
Die Vielseitigkeit ist Programm
Seither haben sich die beiden kontinuierlich nach oben gespielt, werden als erfolgreichstes Schweizer Clownpaar gefeiert. Sie haben zahlreiche Auszeichnungen gewonnen, den Prix Walo, den Salzburger Stier und den Deutschen Kleinkunstpreis. Sie spielen in Kleintheatern und Zirkusarenen, moderieren TV-Sendungen und organisieren Theaterfestivals. Nach Deutschland touren sie mit zwei Programmen durch die Schweiz und treten auch in Schauspielhäusern auf. Diese Vielseitigkeit ist Programm: «Wir sind Grenzgänger», sagt Urs Wehrli. «Wir lassen uns nicht fixieren. In unserer Schublade soll möglichst vieles Platz haben.»
Auch Engagements im Ausland. Immer wieder kehren Ursus & Nadeschkin der Heimat den Rücken, spielen in England, den USA und in Deutschland. Hier können sie sich als Unbekannte entdecken lassen und werden stärker gefordert. «Wir müssen uns im Ausland das Publikum mehr erkämpfen», sagt Wehrli. «Umso schöner, wenn wir die Leute knacken können.»
Humor des «alpinen Bergvolks»
Die gut 500 Frauen, Männer und Kinder, die an jenem Samstagabend Mitte Februar 2004 in die «Fliegenden Bauten» in Hamburg strömen, wollen erobert sein. Fast am selben Ort, wo Ursus & Nadeschkin vor 15 Jahren scheiterten. Erwartungsvoll sitzen die Leute um 20 Uhr im dunkelblauen Zelt, lassen sich auf rotem Teppich, an weiss gedeckten Tischchen und auf rot gepolsterten Stühlen bei Kerzenlicht helvetische Spezialitäten servieren: Böläsuppe mit Croutons, Nüsslisalat mit Ei oder Züri-Gschnätzlets mit Nudlä. Als Hauptgang werden Schweizer Komiker versprochen – «aber witzig, ehrlich!», wie es im Programmheft augenzwinkernd heisst. «Das Paar zeigt eine Seite des alpinen Bergvolks, die unsereins nie für möglich gehalten hätte.»
In der Tat: Zwei Stunden lang arbeiten Ursus & Nadeschkin gegen das Klischee der biederen und langweiligen Eidgenossen an: Sie zoffen und fetzen, zanken sich, jonglieren mit Wörtern und Keulen, mit Mimik und Gestik, rezitieren und improvisieren. Alles ist Spiel – mit der Situation und dem Publikum. «Wir dürfen nach der Vorstellung wieder nach Hause», frotzelt Urs Wehrli zur Menge. «Sie müssen so weiterreden.» Der Humor kommt an. Die sonst so kühlen Norddeutschen bleiben anfangs höflich abwartend, rufen später fordernd dazwischen und stampfen nach Spielschluss, schreien, pfeifen und klatschen um Zugaben. «Einzigartig», findet die ältere Frau und lehnt sich wohlig in ihren Sitz. «Kein Klamauk, sondern Witz mit Tiefgang», assistiert der Mann nebenan. «Die beste Schweizer Komik seit Emil.»
Ursus und Nadeschkin, das ist ein Duo wie Feuer und Wasser, wie Tag und Nacht. Er mimt auf der Bühne den ruhigen Typen im dunklen Anzug und mit kurzen Haaren, Biedermann, Pedant und Genie. Sie die laute Göre im gelben Overall, mit breiten Hosenträgern und Zottelfrisur, ein rasantes Energiebündel voller Emotionen.
Auch neben der Bühne sind die beiden wie zwei Pole, die sich anziehen, weil sie so nicht zueinander passen. Urs ist der Künstlerkopf, der «Trendsetter mit den genialen, verschrobenen Ideen». Er liebt die Ordnung, legt Kritiken fein säuberlich im Büro ab und fasst die Spielhäufigkeit der Programme in Diagramme. Er schätzt die Ruhe und den Morgen, steht nicht gerne im Mittelpunkt und hat Hemmungen, vor Leuten zu sprechen. Nadja mag Chaos, Action und Bewegung. Sie liebt die Nacht, die Bühne und das Publikum, sie ist volksnah und volkstümlich, der Liebling der Massen. Sie arbeitet mit Stimmungen und braucht das Lachen der Zuschauer wie die Luft zum Atmen.
Per Autostopp in die Freiheit
Kein Wunder, dass sich auch die Biografien der beiden nicht gleichen. Urs ist in Aarau in gutbürgerlichen Verhältnissen als Jüngster von vier Kindern aufgewachsen, hatte «eine lässige Familie» und eine «gute Jugendzeit». Dass er nicht für ein geregeltes Büroleben geschaffen war, das spürte er schon in der Lehre zum Typografen. Eines Tages brach er, der die Freiheit über alles liebt, aus seinem Lehrlingsalltag aus, fuhr per Autostopp nach Südfrankreich und lebte einige Tage mit den Gammlern unter freiem Himmel. Und kam mit dem Wunsch zurück, Strassenkünstler zu werden. «Ich begann in der Küche wie wild mit Gummibällen zu jonglieren, zerschlug dabei viel Geschirr», erinnert sich der 35-Jährige.
Nadja Sieger hatte eine – für die damalige Zeit – eher ungewöhnliche Kindheit. Als sie fünf war, zog ihre Mutter aus, liess den Ehemann und die beiden Töchter allein zurück. Nadja und ihre ältere Schwester wurden vom Vater und von einer Haushälterin grossgezogen. Auf dem Pausenplatz waren sie die einzigen Scheidungskinder. «Das war gar nicht lustig», erinnert sich Sieger. Sie flüchtete sich gern in die Rolle des Knaben, brachte ihrem Meerschweinchen Kunststücke bei und verdiente sich mit Strassenauftritten ihr Sackgeld. Spielte im Schultheater die Hauptrollen und träumte von einer Karriere als Trapezkünstlerin und Schauspielerin.
Als sie im Juli 1987 an einem Zirkuskurs im deutschen Wiesbaden teilnahm, begegnete sie Urs Wehrli. Er war der Einzige in dieser Truppe, mit dem sie etwas anfangen konnte. Weil beide noch keine Kunststücke beherrschten und der Kurs ziemlich langweilig war, liessen sie sich rote Nasen verpassen und zogen als Clowns durch die Strassen.
Diese Rollen sind sie bis heute nicht losgeworden. Sie haben ihr Handwerk im Selbststudium verfeinert und ständig weiterentwickelt, haben sich von der Strasse auf die grossen Bühnen gespielt. 16 Jahre gemeinsame Arbeit haben sie zusammengeschweisst. Niemand kennt Nadja so gut wie Urs – und umgekehrt. Ihre Beziehung umschreiben sie mit «Geschwister». «Wir haben etwas Seelenverwandtes», sagt Urs Wehrli. «Wir können uns allerdings auch streiten, dass die Fetzen fliegen, haben uns aber letztendlich doch gerne. Es ist ein starkes Band, das uns wohl ein ganzes Leben lang verbinden wird.»
Ursus und Nadeschkin wissen dennoch genau, dass das Potenzial ihres Duos nicht in der Harmonie, sondern «in der Gegensätzlichkeit liegt». Sie wollen deshalb verhindern, dass sie sich einander annähern. «Das wäre auf der Bühne langweilig», sagt Nadja Sieger. Deshalb pflegen sie neben dem Duo auch das Solo. Sie waren nie ein Liebespaar, leben privat ihr eigenes Leben. Nadja singt in einer Jazzband und tanzt gern, Urs Wehrli spielt Fussball, hat 2002 in einem Buch Bilder von berühmten Künstlern aufgeräumt und einen Bestseller gelandet. Nach 100000 verkauften Exemplaren denkt er über ein zweites Werk nach. Anfang 2003 hat sich das Duo nach 257 Vorstellungen im Zirkus Knie eine halbjährige Auszeit gegönnt. Nadja ging mit sich auf Weltreise, lernte in Australien Wellenreiten und Aborigines kennen, treckte auf dem fünften Kontinent und später in Kalifornien durch die Wüste und tanzte in den Städten Swing und Lindy-Hop. «Ich habe aufgetankt und viel nachgedacht», sagt sie.
Während dieser Zeit tourte Urs Wehrli mit seinem Buch durchs Land, hielt Vorträge, nahm an Symposien teil. «Die Auszeit war eine willkommene Zäsur», sagt er. «Wir haben uns auf eine gute Art befreit, haben uns neu kennen gelernt und gehen mit neuem Respekt an die Arbeit.»
Das Clownduo soll ja auch überleben. In diesem Jahr wollen Ursus & Nadeschkin in Zürich ein neues Programm aushecken, das 2005 im Frühling in Australien und im Herbst in der Schweiz auf die Bühne kommen soll. «Es geht um einen Weltrekord», verrät Wehrli bloss. Vielleicht können sich die beiden damit endlich ihren lang gehegten Traum erfüllen und sich «für die Oscar-Verleihung anmelden», wie sie auf ihrer Homepage verraten. «Als bestes ausländisches Duo, das noch nie in einem Film mitgespielt hat.»
Text: Daniel Röthlisberger
Fotos: André Heeger
© Copyright 2003 by Schweizer Familie / Tamedia AG

