Ursus & Nadeschkin

Tagebuch

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14.07.2004

www.herrangdancecamp.com

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Foto:Eine(r) von den Tanzenden ist Ursus oder Nadeschkin

Es war einmal ein Dorf in Schweden, genannt Herräng. Zwei kurze Stunden von Stockholm entfernt, lag es in völliger Idylle, mit direktem Anschluss zum Meer, einem kleinen Supermarkt, einer Post, einer Bushaltestelle, einem Kiosk mit integrierter Imbissbude, einem einzigen Restaurant am Hafen, und bestand ansonsten aus diesen putzigen, typisch schwedischen Holzherrschaftshäuschen, die man hier nicht nur ausnahmsweise, sondern grundsätzlich überall im Lande fand.

Herräng war so normal, dass schon wenige Kilometer davon entfernt die Schweden selbst vergassen, dass es dieses Dorf überhaupt gab. Zu klein und zu unscheinbar, um grundsätzlich irgendein Interesse von aussen zu wecken, lebte man hier in Ruhe und Frieden, Jahr für Jahr.

Eines schönen Tages aber, es war im Juli 1987, probierte in Herräng eine kleine Tanzgruppe aus Stockholm ihre ersten Schritte, unter der Leitung eines alten, afroamerikanischen Swingtänzers aus Harlem-New York, eines echten Lindy-Hopper von damals. Plötzlich klang rund um die Uhr Musik aus dem gemieteten «Folketshus». Da wurde stundenlang geswingt und gehopst, und als der Spuk vorbei war, ahnte noch keiner, was hier wohl für immer seinen Anfang fand ...

Das Revival!

Wenn heutzutage ein jeder in bekanntes Kuoni- und/oder Tui-Land fliegt, um dort ferienlang und faul irgendwo weltweit in der Sonne zu schwitzen, so reisen hier Menschen aus über 40 Ländern gezielt in dieses Dorf nach Schweden, auch um zu schwitzen, aber mit voller und eigener Kraft voraus! Im permanenten Kampf gegen Moskitos und mit wachsender Erschöpfung kommen sie nicht nur aus allen Ecken Europas, nein, dem Lindy-Hop-Revival folgt man sogar aus Südafrika, Russland, Japan, Australien und den USA. Es sind Hunderte, die kommen, ausgerechnet nach Herräng, dem hintersten Winkel im Land der Ikea, und sie besetzen - zahlenmässig den Einheimischen längst überlegen - ganze vier Wochen lang den verschlafenen Ort. Eine Invasion aller Rassen vereint durch den einzigen Wunsch: Tanzen bis zur Bewusstlosigkeit! Rund um die Uhr!

Das Dorf swingt in permanenter Beschallung, die Anwohner vermieten grösstenteils ihre Wohnungen, flüchten und verdienen damit fast schon regelmässig ein anschauliches Sümmchen, der Kiosk lässt dann parallel zum Grill Lindy-Hop-Videos laufen, und der kleine Supermarkt hält sogar am Sonntag die Tore offen.

Käme hier ein Unbeteiligter des Weges, der könnte das Ganze schnell mit einer Art Sekte verwechseln. Wenn heutzutage so viele erwachsene Menschen, im Gleichschritt vereint, so grundlos fröhlich und kontaktfreudig hüpfen, nonstop uncool, nur mit Wasser im Tank und ganz ohne Drogen, sich in täglichen Meetings andächtig um alternde schwarze Gurus scharen, deren Anekdoten horchen oder den immergleichen alten Movieclips in Schwarz-Weiss folgen, dann, ja dann?

Nun, die Frage stellt sich nicht. Schliesslich ist Herräng so weit weg vom Schuss, dass ein Unbeteiligter nie zufällig dahin finden wird!

Lindy-Hop entstand durch das Aufkommen der Swingmusik in den späten 20er- und 30er-Jahren in Harlem-New York, verbreitete sich von dort aus weltweit und verschwand dann durch den 2. Weltkrieg fast ganz von der Tanzfläche. Das jährlich wiederkehrende Herräng Dance Camp in Schweden vereint seit 25 Jahren die heute weltweit besten Swingpaare, sowohl Lehrer wie Schüler (darunter auch viele Schweizer!), und die heute noch lebenden Zeugen der damaligen Zeit werden seither dorthin eingeladen, noch einmal gefeiert, beklatscht und als Stars geehrt. Eine unglaubliche Sache, alles auf Non-Profit-Basis und ziemlich kultverdächtig! (www.herrangdancecamp.com)

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