Ursus & Nadeschkin

Tagebuch

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28.10.2004

Titelgeschichte...

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Frech und bieder
Lockere Sprüche und lausbübischer Auftritt. So kennt man die Komikerin Nadja Sieger. Im TV-Film «Fremde im Paradies» schlüpft sie erstmals in eine andere Rolle.

Text: Stefanie Werner
Fotos: Philipp Rohner

Man hätte Lust zu sagen: «Nadja, du siehst süss aus. Deine Augen sind wunderschön, so gross und so dunkel. Der braune Pagenschnitt sieht ungewohnt, aber hübsch aus, und deine Lippen sind nahezu perfekt. Die Zähne bilden eine gerade, weisse Reihe. Du hattest sicher eine Zahnspange, oder? Gut, die Nase ist etwas zu gross geraten, aber das stört nicht. Gesamteindruck: Neun Punkte von zehn.» Doch das sollte man nicht tun. Denn Nadja Sieger mag das nicht.
Als lausbübische Nadeschkin aus dem Komiker-Duo «Ursus & Nadeschkin» wirbelt die 36-Jährige mit wilden Rastas und Latzhosen über die Bühne. Und auch im wirklichen Leben ist die Zürcherin eine burschikose Frau. Äusserlich wie innerlich: witzig, intelligent, schlagfertig. Aber sicher kein schutzbedürftiges Püppchen – wehe dem, der das Gegenteil behauptet.
Umso erstaunter dürften die Fernsehzuschauer sein, wenn sie am 21. November SF 1 einschalten. Da bekommen sie eine komplett andere Nadja Sieger zu Gesicht. Eine, die man in die Arme nehmen möchte. In der Komödie «Fremde im Paradies» spielt sie die schüchterne, stotternde Hausfrau Flora Stein, trägt Pagenschnitt und biedere Röcke.
Trotz aller Unterschiede: Nadja Sieger mag Flora und hat gemerkt: «Viele Schweizer Frauen haben eine Flora Stein in sich – auch ich.»
Flora ist eine hübsche, intelligente und kreative Frau. Doch sie traut sich nichts zu. Eigentlich hat sie alles: einen Mann, ein Haus, einen Garten und ein Auto. Doch sie passt nicht in diese Umgebung, fühlt sich unsicher und vor allem allein. Flora entschuldigt sich für Dinge, die sich nicht getan hat. «Exgüsi, tschuldigung, sorry und hundertmal Schuhe abputzen», beschreibt Nadja Sieger ihre Filmfigur und schaut dabei wie ein aufgescheuchtes Huhn. Dann sagt sie ernst: «Flora ist mit einem Gefühl der Einsamkeit unterwegs, und dieses Gefühl kennen ganz viele Frauen.»

Einsame Jugend
Auch sie. Als Nadja Sieger sechs Jahre alt war, verliess ihre Mutter die Familie für einen anderen Mann. Einsam war sie damals nicht nur, weil die Mutter weg war. «Du bist wahnsinnig allein, wenn du nicht konform bist», erklärt sie. In der Schule waren sie und ihre Schwester unter 800 Kindern die einzigen Scheidungswaisen. «Es war kompliziert zu erklären: Die Frau bei mir zu Hause ist nicht mein Mami, sondern die Tagesmutter», erinnert sich die Komikerin. «Aus Protest habe ich damals nie wieder einen Rock angezogen.» Sie war eine Aussenseiterin. Genau wie Flora Stein.
Von ihrem Mann vernachlässigt, rasselt diese in eine Affäre – und wird prompt schwanger. Kinder sind auch für Nadja Sieger ein Thema. Aber nicht um jeden Preis. «Das klingt konservativ», sagt sie, «aber ein Kind aufzuziehen gehört heutzutage zu den wenigen Dingen, die man nicht alleine schafft.» Mit ihrem früheren Partner, dem bekannten Komiker Viktor Giacobbo, hatte sie zwar über Kinder gesprochen, doch dann sei die Beziehung zerbrochen. Und mit ihrem letzten Freund machte Nadja Sieger eine Erfahrung, die sie heute «die ganz grosse Enttäuschung» nennt. Er ging mehrmals fremd, während sie im Ausland auf der Bühne stand. Passiert sei ihr das zum ersten Mal. «Dieses Thema ist mir jetzt also auch geläufig», schliesst sie ab, als wüsste sie endlich, wie man Rotweinflecken aus dem Teppich bringt. Den Humor hat Nadja Sieger also nicht verloren, nur realistischer sei sie geworden. Etwas Gutes hatte die Enttäuschung allemal: In der freien Zeit, die sie ursprünglich für den Ex-Freund reserviert hatte, drehte sie «Fremde im Paradies». «Zum ersten Mal konnte ich in eine typische Frauenrolle schlüpfen, Absätze anziehen und meine Nägel lackieren», schwärmt die 36-Jährige. «Ich hatte Lust, das alles mal auszuprobieren.»
Vor der Lust war jedoch die Panik. Denn die typische Frauenrolle war Neuland für Nadja Sieger. «Ich rief an und sagte, es gehe nicht, ich hätte keine schönen langen Beine und könne auf keinen Fall Röcke tragen», witzelt sie. Doch schliesslich traute sie sich doch, denn «wenn sich neue Türen öffnen, gehe ich dort durch».

Die Kamera entscheidet
Es war das erste Mal, dass Nadja Sieger die Hauptrolle in einem Film spielte. «Normalerweise kann ich fast nur mit meiner rationalen, männlichen Seite an die Front», beschreibt die Künstlerin ihre Erfahrung. «Im Film hingegen entscheidet die Kamera, was gezeigt wird. Und so wird plötzlich jemand wichtig, der im Schatten steht.» Jemand wie Flora Stein.
Heute schlüpft Nadja gerne in ihre Filmrolle. Lässt sich von der Stylistin mit Engelsgeduld die Rastas bändigen, um zur Vollendung der Verwandlung die Pagenschnitt-Perücke aufzusetzen. In voller Flora-Montur erkennt man sie nicht wieder. «Ich bin während der Dreharbeiten so im Park spazieren gegangen», erzählt sie. Erkannt hat sie dabei tatsächlich nur Mocca, ihre neunjährige Basenji-Hündin.
Beim Spaziergang im herbstlichen Stadtzürcher Park ist Nadja Sieger während des Interviews aber wieder sich selbst. Rastas, knallige Kleider … und fast jeder, der sie sieht, schaut zweimal hin. Hündin Mocca hält nicht viel von Öffentlichkeit. Ihr Geschäft erledigt sie grundsätzlich hinter einem Busch. Und sie lässt sich dabei Zeit. So muss der Fotograf warten, bis Madame Mocca parat ist. Untypisch für einen Hund, nicht konform, eben ganz wie Frauchen.
Schon als Mädchen war Nadja Sieger unangepasst, wollte «schnitzen, holzen, basteln, lehmen und so viel Dreck wie möglich», erinnert sie sich. Als Erwachsene ist sie nicht anders, interessiert sich weder für Schminke noch für Kleider: «Schönsein können andere, wenn man mich mag, dann wegen meines Charakters.»
Eine Veränderung hat Flora Stein aber doch in ihr ausgelöst. Genau wie diese am Ende des Films aus ihren Strukturen ausbricht, hat Nadja Sieger ihre Meinung revidiert: «Ich schätze meine weibliche Seite mehr», gibt sie zu. Hin und wieder ziehe sie sogar Röcke an oder fühle sich zumindest nicht mehr blöd darin. «Seit dem Film weiss ich, dass ich meine Rastas auch abschneiden könnte. Nicht heute oder morgen, aber irgendwann», lacht sie. Das ändert nichts daran, dass Nadja Sieger in erster Linie eine selbstbewusste und intelligente Frau ist. Aber sie könnte riskieren, dass jemand sagt: «Nadja, du siehst süss aus.»

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