Tagebuch
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16.04.2005
© Berner Zeitung

Die schönste Sackgasse der Welt
Die einen Grosseltern sind aus Ir-, die anderen aus Holland, das heisst der weibliche Part, der männliche ist aus Polen oder aus Italien oder auch Schweden. Aber viele kommen ursprünglich aus England, mit Ausnahmen, versteht sich. Das sind dann zum Beispiel Franzosen oder Griechen. Wieder andere kommen aus Deutsch-, aus Schott- oder Finnland und haben sich später mit Chinesen/innen vermählt. Oder waren die aus Vietnam? Nun, möglich ist alles, die Ausnahme ist Trumpf! Und ganz egal, wie sich am Ende ihr Blut vermischte, es bezahlen hier alle mit der gleichen Währung: geprägt von der englisch-althergebrachten Queen! «No worries!», will heissen «Keine Sorge!». Die Dame ist weit weg, so wie grundsätzlich alles!
«Downunder» ist das Land aller Nationen, wo für einmal Regeln die Ausnahmen machen, nicht umgekehrt. Was hier «normal» wäre, weiss eigentlich keiner. Es ist auch nicht wichtig, denn Platz ist genug, die Verschiedenheit gross und gross die Toleranz! «No worries», sagt der Australier an Stelle von «bitte», wenn er dir vor Ort das Bier serviert, und dieser Ausdruck trifft tatsächlich den Kern seiner Art. «No worries» passt immer, in allen Lebenslagen, oder wahlweise «no probs», denn Probleme gibts keine, und wenn, wärs die Ausnahme, «no worries»!
Australien kümmert niemanden, und nichts kümmert Australien. Das ist darum so schön wie auch vertrackt. Dieses Land schafft keine Helden, erfindet keine grosse Kunst, ist grösser als Europa und fällt trotzdem nicht auf! Wirklich «Wichtiges» findet immer anderswo statt: «oben», nicht hier, wo - wenn überhaupt - höchstens ein paar Schlangen giftig werden ... Was kümmerts die «Aussies»? Sie leben so gut in der schönsten Sackgasse der Welt. Und die wenigen Stars, die dennoch hoch hinauswollen? Die müssen dafür weit weg, «auf nach Overseas»!
In Australien wird der Mensch zufrieden, nicht berühmt! Hier findet man keinen Weg, sondern immer das Ziel, so ist das für 20 Millionen in 250 Jahren! Hier suchte man Gold, freies Land und ein besseres Leben. Man reiste weit, um dann da- zubleiben. Und ist man gelandet, gibts genau das. Nicht mehr und nicht weniger, für alle! «Mehr» darf keiner wollen, nur so funktionierts, sonst hat man die «Worries», die hier keiner will. Warum denn schneller, wenns langsam auch geht? Und wohin überhaupt? Ungeduldige Touristen werden locker heruntergebremst. «Relax, take it easy», zu viel Tempo schafft Ärger, und der vertreibt in Australien nicht nur Kängurus.
Verloren im Paradies? Eine Nation, die nicht wissen muss, wer sie ist, wird auch die Welt, die sie hat, nie verändern. Und hat Australien mal tatsächlich Sorgen, Atommüll, Flüchtlinge oder unbequeme Ureinwohner, gibts dafür ja diesen ganz grossen Platz in der Wüste, «no worries».
Nadja Sieger
(...seit 5 Jahren Kolumnistin bei der Berner Zeitung)

