Tagebuch
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08.03.2005
Kolumne

© Berner Zeitung; 19.02.2005; Seite 2
Nie mehr allein
... sein Badmintonschläger sei eben neu, und dass er darum gewonnen, mit irgendeinem Freund im Anschluss angestossen hätte, sich aber jetzt verabschieden müsse, weil er im Stress wäre, und danke ... Anschliessend erfuhr ich, dass er sich mit seiner Putzfrau über irgendeinen neuen Backofenreiniger stritt und sich dann, in einem weiteren Gespräch, zum Tête-à-Tête verabredete.
Der Dialog, von dem wir alle, in einem Zuge, ausschliesslich die eine Seite mithören mussten, nahm kein Ende. Der Mann wurde noch lauter, erläuterte peinliche Details betreffend sein Privatleben, was hier niemanden was anging, geschweige denn interessierte. Manchmal, da lachte der Telefonierer aus den hinteren Reihen so laut, dass sich bei uns vorne schier zeitgleich die empörten Köpfe schüttelten. Eisiger Ärger machte sich breit, und obwohl ich die restlichen Fahrgäste genauso wenig kannte, rückten wir zusammen. Wir hatten plötzlich ein gemeinsames Problem, wurden der Ruhe am Feierabend beraubt!
Es ging eine regelrechte Debatte los. Pendler, die nach jahrelangem stummen Hin-und-her-Fahren plötzlich diskutierten, wenn auch leise, so doch heftig, sprachen plötzlich über den gesellschaftlichen Handymissbrauch, über den Irrsinn der Moderne und darüber, dass die fortschreitende Individualisierung gleichzeitig die totale Vereinsamung bringe. Und weils bei uns vorne jetzt neu auch rumorte, wurde jener da hinten natürlich auch lauter. Er lachte und jauchzte, fern jeglichen Anstands, was endlich auch mich aus der Reserve lockte: Ich wurde sauer, packte meinen Mut und die ungelesene Zeitung und zog los, um diesen Typen aktiv zu stellen.
Nur, als ich ihn sah, war ich leicht irritiert, starrte auf einen, der seit Stunden telefonierte, nur hielt er kein Handy, sondern eine PET-Flasche am Ohr! War das eine Veräppelung? Ein Irrer? Oder war die versteckte Kamera im Zug?
«Alles in Ordnung?», fragte jetzt jener und setzte meinem entsetzten Glotzen ein Ende. Ich nickte. «Ja, alles in Ordnung», worauf er sofort wieder weitertelefonierte.
Ich war fasziniert: Dieser Mann lieferte die perfekte Performance, eine echte Persiflage unserer schönen neuen Welt. «Stört es Sie?», fragte er dann und zeigte auf seinen PET-Flaschen-Hörer. «Nein», sagte ich, «es stört mich nicht!»
«Da kann man nichts machen», lautete mein Rapport, zurück im Kreise der Genervten, weil das mit der PET-Flasche hätte mir hier bestimmt keiner geglaubt. Aber als dann die Minibar Halt bei uns machte, fasste ich Mut, kaufte eine PET-Flasche, hielt sie ans Ohr und wählte seine Nummer. Sie war leider besetzt.
Nadja Sieger

