Tagebuch
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10.03.2005
© Die Weltwoche

© Die Weltwoche; 10.03.2005;
Seite 98; (Foto: Tom Kawara)
Am Anfang
Nadja Sieger und Urs Wehrli
Zu behaupten, sie seien das erfolgreichste Theaterduo der Schweiz, hiesse Eulen nach Athen tragen. Sie mag die Nacht, er den Morgen. Die Vermutung, dass sie auch ein Liebespaar sind, da sich Gegensätze ja anziehen, ist falsch. Richtig ist: Sie lernten sich vor 18 Jahren bei einem Zirkusferienkurs kennen.
Um ihrem Sohn ein Ferienprogramm zu bieten, meldete die Mutter von Urs Wehrli alias Ursus den damals 17-Jährigen für einen Zirkuskurs in Wiesbaden an. Beim Umsteigen in Basel traf Ursus auf Nadja Sieger alias Nadeschkin, die sich «zufällig» für denselben Kurs eingeschrieben hatte. Der Anlass fürs erste Gespräch war das sperrige Gepäck: Beide hatten ein Einrad dabei, das auffällig aus dem Rucksack ragte. Bald kamen zwei weitere Kursteilnehmerinnen dazu; das Grüppchen setzte sich gemeinsam in ein Zugsabteil. Weil Ursus der einzige Mann war und Nadeschkin «immer besser mit Jungen umgehen konnte als mit Mädchen», sei ihr in diesem Abteil «keine andere Wahl» geblieben. Auf ihrer Homepage schreiben Ursus, 35, und Nadeschkin, 36, zu dieser Erstbegegnung im Jahr 1987 lapidar: «19. Juli: Wir kennen uns noch nicht. 20. Juli: Jetzt kennen wir uns.»
Ursus: «Der erste Eindruck von ihr war: hektisch, direkt, kreativ, ruhelos, vereinnahmend und sehr zürcherisch. Ich reagierte darauf mit abstossender Bewunderung, soweit ich mich erinnere.»
Nadeschkin: «Er war ein Jahr jünger als ich und ein Landei, mit originell selber bemalten Kleidern. Ich war eine frühreife Zürischnorre. Er sagte nicht viel von sich aus, aber wahrscheinlich quatschte ich Grossmaul ihn auch einfach zu arg zu.»
In Wiesbaden folgte zunächst die Enttäuschung: Der Kurs war «furchtbar schlecht», wie sich Ursus erinnert. So bildete er mit Nadeschkin «eine Schicksalsgemeinschaft»: Wann immer möglich schwänzten sie den Unterricht, packten die Einräder und machten die Fussgängerzone der Innenstadt unsicher. Ursus konnte ein bisschen jonglieren, Nadeschkin etwas tanzen und Einrad fahren. Jeder schaute dem anderen ab, was er noch nicht beherrschte – und plötzlich landeten die ersten Geldmünzen vor ihnen auf dem Kopfsteinpflaster. Zurück in der Schweiz, beschlossen sie, weiter gemeinsam aufzutreten. Es folgten Lehr- und Wanderjahre, Ausbildungen für Gesang, Pantomime und Schauspiel, Engagements auf Kleinbühnen und grossen Festivals, im Zirkus und am Fernsehen, im In- und Ausland. Das Duo etablierte sich, wurde in der Theaterszene zu einem Fixpunkt des Zwei-Personen-Schauspiels.
Nadeschkin: «Es wäre falsch, zu behaupten, dass wir uns am Anfang ausserordentlich gut mochten. Verbindend war aber das Ziel, vor Leuten aufzutreten – und die gemeinsame Hoffnung auf eine Freiheit im Leben.»
Ursus: «Wir sind eigentlich eine langanhaltende Notlösung. Manchmal denke ich, wenn wir herausfinden, was uns zusammenhält, wäre das vielleicht das Ende. Wir können beide ziemlich stur sein und machen es uns gerne schwer. Sich zu trennen, wäre zu einfach.»
Nadeschkin: «Urs ist ein Morgenmensch, ich eine Nachteule. Er mag die Einsamkeit, ich den Betrieb.»
Ursus: «Was ich gerne auch beherrschen möchte, ist Nadjas unübertreffliche und keine Frage offen lassende Logik, wenn sie von einer Sache überzeugt ist.»
Auf ihrer Homepage haben Ursus und Nadeschkin eine Rubrik «Frequently Asked Questions» eingerichtet. Dort steht, dass dem Duo die «Seid ihr ein Paar?»-Frage oft gestellt wird. Die Antwort tönt so kategorisch wie nichtssagend: «Nein.» War das immer so klar, von Anfang an, oder hätte es vielleicht auch anders kommen können?
Ursus: «Nein.»
Nadeschkin: «Wir waren an der Bühne interessiert, nicht am Küssen. Der Beruf kam bei uns in den ersten sieben Jahren lange vor dem Privatleben. Dass es ausserdem noch ein Leben gibt, kam später.»
In den letzten Jahren kam auch der Wunsch auf, getrennte Soloprojekte zu realisieren. Hatten die beiden Künstler jahrzehntelang alles gemeinsam gemacht und damit grosse Erfolge erzielt (Prix Walo, Deutscher Kleinkunstpreis, Salzburger Stier, New York Fringe Award), setzte kürzlich die Emanzipation ein: Urs Wehrli veröffentlichte seine Bücher «Kunst aufräumen», Nadja Sieger spielte im TV-Film «Fremde im Paradies» die Hauptrolle. Wenn sich solche Seitensprünge häufen – ist dies ein Zeichen dafür, dass es in der Beziehung nicht mehr stimmt und diese bald in die Brüche gehen könnte?
Nadeschkin: «Ich sehe in unserem beruflichen Fremdgehen die Chance und nicht das Problem: Das Duo wird vielseitiger, man lernt sich neu kennen, und wenn wir das, was wir beim anderen nicht ausleben können, woanders tun, was ist daran falsch?»
Ursus: «Es hat lange gedauert, bis wir das Vertrauen hatten, dass wir alleine nicht nur die Hälfte eines Duos sind. Es tut uns extrem gut, wenn wir auch mal Ruhe voneinander haben und alleine oder in anderen Konstellationen arbeiten. Das stärkt nicht nur uns selber, sondern auch das Duo.»
Nadeschkin: «Dass sich morgen immer alles ändern kann, war früher nicht anders. An Dingen festhalten bringt auch uns keine Sicherheit. Vorstellungen sind flüchtig, und unser Leben ist klein. Wir haben keine Angst; das ist es, was zählt.»
Ursus: «Ich befürchte, dass wir im Altersheim noch miteinander auftreten werden.»

