Ursus & Nadeschkin

Tagebuch

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23.01.2007

Sekretärinnen (Kritik Teil 1)

Sekretärinnen (Kritik Teil 1)

Was unser Tom so tut, wenn er nicht bei Ursus & Nadeschkin ist:
Als gefeierter Starregisseur umringt von Sekretärinnen stehen - und dabei verdammt gut aussehen!


© Basellandschaftliche Zeitung 23.01.2007
Kultur
Bei Rotlicht ab zum Diktat!
Theater Basel Tom Ryser inszeniert auf der Grossen Bühne Franz Wittenbrinks «Sekretärinnen» als grosses Amusement. Herrlich die Sängerinnen des Opernchores.
Joerg Jermann

Der Pianist David Cowan holt sich zuerst Applaus, dann greift er in die Tasten, startet allein mit Sex Pistols: schnell gesprochen, heftig gespielt, steht wieder auf und holt sich den nächsten Applaus. Der Abend ist lanciert, die Begeisterung hat System. Das kennt man vom reisserischen Franz Wittenbrink.

Wittenbrink, bald wird er sechzig, ist selbst schon Nostalgie: In Basel erinnert man sich an die Zeiten von Stefan Bachmann und Wittenbrinks Musical «Strike up the band». Wittenbrink, Soziologe genauso wie Klavierbauer und Schlosser, hat unter anderem in den Operetten-Arbeiten des unvergessenen Herbert Wernicke die Musik zur «Fledermaus» und zum «Zigeunerbaron» verschlankt, mit Frank Castorf machte er den «Puntila», mit Bachmann «Der kaukasische Kreidekreis». Liederabende gibt es zu zahlreichen Themen, etwa «Männer». 1993 bis 2000 war er Musikalischer Leiter am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, dort, bei Frank Baumbauer, sind auch die «Sekretärinnen» entstanden. Seit dreizehn Jahren gibt es diese Vorlage, sie ist -zig Mal gespielt worden und erscheint in Basel nicht ausgelaugt, im Gegenteil, je älter die Songs, desto mehr Nostalgie und Verträumtheit kann sich breit machen: Die Knef, der Gershwin, unser Eros, gemeint ist der von Ramazotti. Songs, schlau aneinander gehängt, in irgendeiner diffusen Bedeutung zur Situation der Bühne, magisch, verträumt.

Ein Bürobote muss natürlich auftauchen und er macht sich, obwohl ein mickrig-biederes Männchen (Karl-Heinz Brandt), im Frauenreich der Phantasien zum totalen Mann, zum nackten Objekt der Begierde bis zum Quietschen der unverfrorenen Ladies. Eros Ramazottis «Se bastasse una canzone» bringt er dermassen schüchtern und verklemmt, dass die Sexphantasien der Sekretärinnen postwendend auflodern müssen! Und dies bei Rotlicht. Immer wenn es blinkt, rauscht eine ab zu Diktat und angehimmeltem oder verfluchtem Chef.

Chansons, Musical-Melodien, Schlager und Evergreens folgen sich Schlag auf Schlag, das Publikum klopft sich teilweise auf die Schenkel und klatscht rhythmisch mit. Feinere Töne und Heftiges wechseln einander ab, der Abend ist prächtig nuanciert aufgebaut.

Es folgen sich etwa «Für mich soll’s rote Rosen regnen», «We will rock you» oder «Bei mir bist du scheen». «Eine kleine Sehnsucht» ist wundervoll gesungen im zarten Duett, leicht schnulzig aber herrlich rosarot und zart gehaucht. Und Leroy Andersons «Typewriter» darf nicht fehlen: dieser Mix für Klavier und mechanische Schreibmaschine, die Jerry Lewis mit dem «Klickerdiklickerdiklick-ping!» unsterblich gemacht hat.

Am Ende, dem wirklichen Höhepunkt der Lust, geraten die zunehmend erotisierten Stenodactylos in ein halbes Büro-Happening.

Regisseur Tom Ryser wurde bekannt durch seine Zusammenarbeit mit der Basler Hip-Hop-Szene und als ständiger Regisseur von «Ursus und Nadeschkin[100]». Er nähert sich, kongenial mit der Vorlage Wittenbrinks, einem straffen Kitsch im besten Sinn: Mit einem Hauch Sex-Appeal, einer Prise Nostalgie und klimperndem Augenzwinkern. Von allem dosiert beigeben und gut musikalisch anrühren.

Wittenbrink und Ryser machen alles andere als eine Untersuchung, schon gar keine Sozialstudie. Ryser nimmt die Klischees von «Sekretärin» für voll, baut sie gar ins Frivole aus und letztlich parodiert er sie, in dem er sie ohne Gegenpol sich selber aussetzt.

Gags fehlen nicht: Wenn das feminine Kreischen zu laut wird, fällt das Licht aus, und im Dunkeln treiben die erotischen Phantasien Blüten. Wenn das Licht wieder angeht, rückt man alles, was man hat, wieder irgendwie zurecht. Und stille Dramen der Damen werden signalisiert, eine trinkt Alkohol, eine imitiert den Chef mit seiner symbolischen Zigarre im Mund, die Kaffeemaschine ist Anlass für köstliche Geräusche, wie welche Säfte in einen Plastkbecher blubbern können.

Das Lob des Abends gilt aber eindeutig den neun Sängerinnen des Basler Opernchores, die enthemmt aufdrehen und sich prächtig entfalten. Wenn sie hereintrippeln (ins kleine Grossraumbüro - Bühne von Marion Menzinger) machen sie alles klar: «Froh zu sein bedarf es wenig . . . » Und ab zum Diktat! Und Papier geklopft im Takt! Und immer gut geschminkt und giftig getuschelt und brav gestöhnt! Die Neun heissen Esther Randegger, Waltraud Danner-Herrmann, Evelyn Meier, Theophana Iliewa-Otto, Svetlana Korneeva, Anna-Monika Noll, Doris Monnerat, Bianca Daniela Gierok und Giulia Del Re.

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