Ursus & Nadeschkin

Tagebuch

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30.08.2007

Premièrenkritik

Premièrenkritik

(im Bild: Rebecca Carrington und Colin Griffith-Brown beim Bluuuuuues … Foto: Bernhard Fuchs)

Gestern Standing Ovation, und heute eine Sitting Ovation:
Unsere «Perlen, Freaks & Special Guests» waren bereits in den Garderoben am Umziehen, und wurden, nach fast 10 Minuten voller Zugaben, erneut zurück auf die Bühne geholt, weil das ganze Publikum unbeirrt sitzen blieb und weiterklatschte...!

...und das meint die ansässige Presse dazu:

© Der Landbote; Kultur
Amüsantes Synchronschwimmen einzeln

Nadeschkin muss nur den Mund aufmachen, und schon applaudiert das Publikum. Das «Perlen»-Programm bietet aber viel, viel mehr. Nur ist der Beginn der Tour in Winterthur schon ausgebucht.

WINTERTHUR – Ihre Beziehung lebt vom genau abgesprochenen Missverstehen und vom bestens koordinierten Aneinandervorbeireden. Sie ist folglich von Dauer: Seit 20 Jahren sind Ursus & Nadeschkin zusammen, und noch immer fallen sie sich leidenschaftlich ins Wort. Das Thema Heirat ist zwar nach wie vor nur ein inszeniertes Missverständnis, aber 20 Jahre wilde Ehe auf der Comedy-Bühne sind natürlich auch ein Grund zum Feiern. Sie tun es mit den neuen «Perlen, Freaks & Special Guests», die im Casino am Mittwoch Premiere hatten: ein erbaulicher Mix aus Musik, Pantomime und Artistik, bei dem es viel zu lachen und zu staunen gibt.

«Extrem», sagt Nadeschkin meistens dazu. Als Moderatorin führt sie mit ihrem Partner durch den Abend, wobei diese Exkurse zwischen den einzelnen Nummern manchmal weite Wege gehen, zum Beispiel bis zum WC im Puff am Stadtrand, wo Ursus als «Sans-Papier» verhaftet wird: Nein, das Kerngeschäft der witzigen Pointe verlieren die beiden nie aus den Augen, und in ihrer amüsanten Disziplin des «Synchronschwimmens einzeln» finden sie zwischen der Routine immer wieder neue Herausforderungen.

Die Welt im Gleichgewicht

Allerdings: Das partnerschaftliche Glück ist in dieser Disziplin nicht vorgesehen. Für Harmonie sind an diesem Abend andere zuständig. Wie schön Synchronizität zu zweit sein kann, zeigt mit seiner Diabolo-Artistik, die auch ein Tanz ist, das Duo Tr'espace. Und ganz eins mit sich selbst ist der Jongleur Viktor Kee, für den die Welt aus handlichen Bällen besteht, die er mit unglaublicher Leichtigkeit in der Luft hält. Ziemlich harmonisch klingen auch die drei blonden Folksängerinnen, die, wie der Name «Värttinä» sagt, aus Finnland kommen, dem Land der lichten Wälder und der Stechmücken. Beides ist zu hören, zu verstehen ist nichts, aber im Rhythmus ist Kraft.

Auch Jesko & Gennady machen auf Harmonie, und das mit sehr viel Pathos. Aber ihre Synchronizität zeigt starke Risse. Der blasierte Aristokrat hat es mit einem subversiven Partner in Livree zu tun, der auch Ratten dressiert (sensationell), und irgendwie straft das banale Material die Pose der grossen Kunst ständig Lügen. Doch der Schein trügt: Die dilettantische Wirkung hat ihre professionelle Ursache, die Kunstlüge ist reine Poesie.

Noch absurder als die geglückt misslingende Harmonie ist die Harmonie im kompletten Zerwürfnis mit sich selbst. Wenn Patrik Cottet Moine in den Spiegel schaut, sieht er einen anderen, und wenn er angeln geht, gerät er selbst an den Köder. Die Physiognomie spielt da ziemlich verrückt. Der lange Hals wird noch länger, und der imaginäre Haken zieht die Oberlippe hinauf, dass es schmerzt – uns, nicht ihn, dem das Unmögliche leicht- fällt: Geschmeidig windet sich der schlaksige Kerl zuletzt an allen Widerhaken des Lebens vorbei.

Ein polyfones Wesen

Die Harmonie im Durcheinander der Stimmen nennt sich Polyfonie. Ein absolut polyfones Wesen ist Rebecca Carrington. Die Cellistin ist auch ein Pavarotti, ein Bollywood-Musicalstar (oder zwei), eine Dudelsackspielerin und eine Bluestrompeterin. Und für alles braucht sie nur das viersaitige Instrument und sich. Gut, einmal macht Collin Griffiths-Brown den Bass, aber sonst macht alles die tolle Stimme, die alles hergibt, den Opern- und Trompetenton, den Bordunbass und den Meckerton der Chansonnière.

Da Ursus & Nadeschkin alle die Harmonien witzig auf die Reihe gebracht haben, verdienen sie eine Extraleistung der Zeitung. Ursus erhält hier schriftlich bestätigt, dass er entgegen Nadeschkins Behauptung keinen Bauchansatz hat, und Nadeschkin dienen wir mit dem Aufruf an alle, ihr dabei zu helfen, dass sie ihren Termin (2. Februar) bei der Dentalhygiene nicht verpasst.

(Herbert Büttiker)

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