Ursus & Nadeschkin

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15.03.2008

Zuhören, wie es Beethoven gehört hat

Zuhören, wie es Beethoven gehört hat

Nach zwei wunderbaren Vorstellungen in der Tonhalle St. Gallen hören wir nun für ein paar Wochen nichts mehr von Beethoven.
Wir sind jetzt schon auf Entzug –
und freuen uns auf die Fortsetzung der Tour, am 19. April in Bern.


© St. Galler Tagblatt; 15.03.2008

Klassik meets Komik

«Im Orchester graben» mit Ursus & Nadeschkin in der Tonhalle St. Gallen

Das Komikerpaar Ursus & Nadeschkin erobert in seinem neuen Programm die Klassik und lässt an zwei Abenden in der St. Galler Tonhalle den Taktstock zum Zauberstab mutieren – ziemlich schräg am guten Ton vorbei.

Brigitte Schmid-Gugler
Botschafter der Musik wollen sie sein. Und in dieser Funktion denen, «die mit ohne Konservatorium» zu wenig oder gar nichts von klassischer Musik verstehen, etwas beibringen. Etwas über das Wesen der Musik, der Verbindung zwischen Ur- und Dur-Knall. Und natürlich darüber, was Beethoven sagen wollte mit seiner berühmten «Tätätätaa»-Sinfonie.

In gelbem und weissem Fräcklein mischen sie das klassische Schwarz auf der Konzertbühne schon mal farblich auf und gleich auch dilettantisch: mit ihrem Applaus nach dem ersten Satz. Frau Maestro ist erzürnt, mehr noch, sie findet es den Gipfel von Unverschämtheit, ihr herrlich eingestrichenes und -geblasenes Konzert mit Applaus zu unterbrechen.

Applaudieren darf man dagegen bei ihrem Auftritt. Schwarz befrackt auch sie, ganz «la Maestro», wie sie sich selber nennt, die, wie sie später bekennen muss, zwar über Autorität in ihrem Orchester verfügt, dafür dort aber keine Freunde hat. An diesem Punkt ist die Geschichte auf der Bühne aber ohnehin schon ziemlich aus dem Ruder gelaufen.

Kopf- und andere Sätze

Die erste aller ersten Geigen hatte den Ton perfekt an- und weitergegeben; der erste Satz wuchs zum Hörgenuss – welch intensive thematische Arbeit, welch kühne Motive! Die Dirigentin mit vollem Körpereinsatz dabei, den rechten Arm bei jedem Crescendo zu einer in tiefste Tiefen grabenden Schaufel geschwungen. Doch dann dieser Applaus des nervös sich reckenden gelben Vogelhalses und seines Kompagnons, der weissen – nennen wir ihn Taube. «Haltet euch raus», ist nur einer von zahllosen, nicht befolgten Befehlen der Dirigentin. Die beiden Oberclowns sind mitten drin im Umschichten von orchestralen Gesetzmässigkeiten, verheddern sich in ihrem musikalischen Scheinwissen, stolpern über Kopf- und andere Sätze.

Das 1987 gegründete Duo bereichert sein Repertoire mit dem Auftritt im Konzertsaal um eine weitere Perle. Was in früheren Programmen gelegentlich fast zu viel der Komik war, weil auf die beiden reduziert, ist inmitten des fast 40köpfigen Orchesters mit feinster Gestik proportional angenehm gestreut.

Die Fünfte von hinten

Die Musikerinnen und Musiker des Sinfonieorchesters Camerata Schweiz sind Teil des Klamauks, sie antworten auf die Wort- und Klangspiele des Komikerpaars nicht nur mit Kostproben ihres musikalisch hochstehenden Zusammenspiels, sondern auch mit darstellerischer Flexibilität. Sie wechseln ihre Plätze, stimmen einen Sprechgesang an, spielen mit vertauschten Notenblättern, Beethovens 5. einmal tonlos und in C-Dur sowie von hinten gelesen.

Allen voran hat die Leiterin des Orchesters, Graziella Contratto, neben ihrem musikalischen Einsatz ein Faible für die Schauspielerei. Unangestrengt switcht die frühere Konzertpianistin, Kammermusikerin, Dozentin für Musikgeschichte und Leiterin des Orchestre des Pays de Savoie zwischen Bandleaderin, Keyboard, Choreographie und Klassik.

Die gutbesuchte Vorstellung von «Im Orchester graben» (Regie Tom Ryser) endet klassisch: mit Standing Ovations.

(Foto: Bernhard Fuchs)