Ursus & Nadeschkin

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07.03.2008

© Neue Luzerner Zeitung

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Wenn Klassik auf Komik trifft
(Foto: Bernhard Fuchs)

Was passiert, wenn klassisch ausgebildete Musiker plötzlich Theater spielen und berühmte Komiker zum ersten Mal mit einem Sinfonieorchester zusammenarbeiten? Das wissen nun die Schwyzerinnen und Schwyzer, die gestern oder am Mittwochabend im MythenForum waren. Vor ausverkauften Reihen gingen die Hauptproben von «Im Orchester graben» mit Ursus & Nadeschkin, Graziella Contratto und dem Sinfonieorchester Camerata Schweiz über die Bühne. Ermöglicht wurde dies durch die Freunde des MythenForums.

Darüber freute sich vor allem Contratto ganz besonders, war es doch ein Heimspiel für sie. «Das hiesige Publikum ist grundsätzlich kritisch. Ihm muss viel Substanz geboten werden», sagt die 41-Jährige. Und genau das hat es bekommen. Für den aussergewöhnlichen musikalisch-theatralisch-komödiantischen Abend unter der Regie von Tom Ryser bedankte es sich mit Standingovations. Zuvor ging es vielen so, wie Staatsanwalt Benno Annen, der in der Pause meinte: «Das ist unglaublich witzig. Ich habe Tränen gelacht. So was ist mir schon lange nicht mehr passiert.»

Subtile Details und Pointen
Das Stück lebt von Improvisationen, was besonders für die Musiker eine grosse Herausforderung darstellt. Feinfühlige Details und Pointen jagen sich. Oft kommen sie gar wortlos daher. Ursus & Nadeschkin stehen im Frack auf der Bühne. Er ganz in weiss und sie wie gewohnt in gelb. Als Botschafter der Musik wollen sie dem Publikum Beethovens «tätätätaa»-Sinfonie (die Fünfte) näher bringen.

Die Musikerinnen und Musiker nehmen Platz. Graziella Contratto, die seit 2004 die künstlerische Leitung der Camerata Schweiz inne hat, erhebt den Taktstock und die Aufführung beginnt. Hochkonzentriert hören auch Ursus & Nadeschkin zu. Nach dem ersten Satz unterbrechen sie das Konzert und schlüpfen in die Vermittlerrolle zwischen denen mit Konservatorium und dem «Otto Normalverbraucher mit ohne Konservatorium», wie sie ausführlich erklären.

Bald stellt sich heraus, dass die Botschafter es zwar gut meinen, aber selber keine grosse Ahnung von Klassik haben. Zwei Welten prallen aufeinander. Erst nerven sich die Musiker an den Bemühungen der Komiker, doch nach und nach lässt sich allen voran die Dirigentin darauf ein und findet immer mehr Gefallen an den beiden. Es kommt zum absoluten Chaos. Beethovens Fünfte wird mit «Money, Money» von Abba vermischt, verjazzt, von hinten nach vorne gespielt und auf Wunsch der Dirigentin sogar so präsentiert, wie sie Beethoven selber gehört hat lautlos. Alle beginnen über sich hinauszuwachsen und das Geschehen auf der Bühne nimmt ungeahnte Dimensionen an.

Contratto hatte die Idee
Einiges ist den beteiligten Künstlern gemeinsam: Sie verfügen alle über begnadete Talente und geniale Kreativität. Auch bestechen sie mit höchster Professionalität, lieben Experimente und lassen sich nicht gerne schubladisieren. Die Idee zu diesem aussergewöhnlichen Konzerttheater stammt von der Schwyzer Dirigentin selber. Das Buch «Kunst aufräumen» von Urs Wehrli, alias Ursus, hat sie auf die Idee gebracht, dass man auch Musik aufräumen könnte.

Als das Komikerpaar erst einmal ein Konzert von Graziella Contratto besucht hatte, kam bei den beiden Skepsis auf: «Das ist so schön, da machen wir ja alles kaputt!» war Nadja Sieger (Nadeschkin) überzeugt. «Ich hatte von Anfang an ein Grundvertrauen zu diesem Projekt», erinnert sich Contratto. «Ich wollte damit auch zeigen, dass Klassiker nicht nur in staubigen Mansarden über vergilbten Partituren brüten und nicht nur trockene Menschen mit ernster Miene sind.» Dank ihrer Offenheit kam das Projekt zu Stande. Das Programm entwickelte sich während den Proben. «Am Mittwoch spielten wir etwa die 14. Version», schmunzelt Graziella Contratto.

Andere Wahrnehmung
Die Meisterdirigentin hat grossen Spass daran. Schwierig seien die Wechsel zwischen der hohen Konzentration beim Dirigieren, die im Kopf stattfindet und dem Bauchgefühl, das sie in den schauspielerischen Einsätzen aktivieren muss. «Ich lerne dabei sehr viel», sagt sie. In gewissen Situationen habe sie nun eine andere Wahrnehmung von sich in der Rolle als Dirigentin.

Graziella Contratto arbeitet nach wie vor als Chefdirigentin des «Orchestre des Pays de Savoie» und als Intendantin des Davos Festivals «Young artists in concert». Im kommenden Sommer wird sie die Camerata Schweiz in Verdis «La Traviata» am Opernfestival Avenches dirigieren. Sie bedauert, dass die Besucher von klassischen Konzerten nach und nach wegsterben und erhofft sich mit Projekten wie «Im Orchester graben» das Interesse an der Klassik auch bei jüngeren Zuschauern wecken zu können.
Daniela Bellandi

Die Premiere findet am Dienstag, 11. März, in Basel statt. www.orchestergraben.ch