Ursus & Nadeschkin

Tagebuch

Zum Tagebuch

18.05.2009

Wunderbar poetisch. Seltsam schön. Kunst eben.

Wunderbar poetisch. Seltsam schön. Kunst eben.

PREMIERENKRITIK:
Der Landbote; 18.05.2009

UNERHÖRT, DIESER BEETHOVEN

Es geht um K.-u.-K.-Wörter: Klassik und Komik. Kunst und Kitsch. Und Ursus & Nadeschkin sind mittendrin: «Im Orchestergraben».

ZÜRICH – An den Rand? Oder doch ab durch die Mitte? Ursus & Nadeschkin (wer kennt sie nicht: Urs Wehrli und Nadja Sieger) kommen auf die Bühne, sie stehen ein bisschen herum, schauen hin und her, platzieren sich dann ganz auf der Seite, als Zuschauer in eigener Sache, wie bestellt und doch nicht abgeholt, als «Botschafter der Musik». Stück für Stück wagen sich die beiden dann in den Raum hinein, sie besetzen auf dem Podium Stuhl für Stuhl. Den Ort aber müssen Ursus und Nadeschkin bald wieder räumen. Denn die Musiker und Musikerinnen der Camerata Schweiz nehmen ihre Plätze ein: von der 1. Violine bis zum Horn. Und wenn die Dirigentin Graziella Contratto dann den Taktstock hebt, sind Ursus & Nadeschkin wieder dort, wo alles angefangen hat: ganz am Rand. Und von dort hören sie sich Beethovens Fünfte an, den ersten Satz. Tätätätaa.

Aus der Stille heraus beginnt die Produktion «Im Orchestergraben», die nun wieder in Zürich zu sehen ist. In der ganzen Harmonie wird der Abend enden, auch wenn dazwischen etwas Unstimmigkeit ist. Momoll ist nicht c-Moll. Man nennt es Verdrängung.

Ein Handschlag

Die mit Konsi. Die ohne Konsi. Das ist der Graben, der das Orchester vom Publikum trennt. «Unser Publikum», sagen Ursus & Nadeschkin. «Meine Musik», sagt die Dirigentin. Die Grenzen sind gesetzt. Komik steht hier gegen Klassik. Schwere Wörter gegen Leichtsinn. Ruhe! gegen das Hineinklatschen. Zum zweiten Satz kommt es nicht, weil Ursus & Nadeschkin nun das Wort haben (ohne sehr vielsagend zu sein). Abgang Dirigentin, Knall auf Fall. Nun ist das Orchester ganz in der Hand der Artisten. Ursus macht einen Schritt nach vorn, und die Musiker folgen seinen Bewegungen. Nadeschkin macht das Maul auf, und es kommt Musik heraus. Tätätätä!

Zwei gegen siebenunddreissig, Vorteil Ursus & Nadeschkin, so lautet das Skore bis zur Pause. Die Dirigentin markiert dann noch die grosse Einsame: Immer allein, denn sie darf sich keine Freunde im Orchester machen. Eine muss der Chef sein. Irgendwann sagt der Maestro doch: Sagen wir du zueinander.

Es ist ein Handschlag über die Grenzen hinweg, und nach der Pause wird vorgeführt, wie unerhört dieses Terrain ist. Geht der erste Satz auch schneller? Ja, es geht, und im Hui. Kann man Beethoven auch von hinten? Und gleich ist der erste Satz im Krebsgang zu hören. Und auch in C-Dur. Oder gehaucht. Als Sprechtheater. Die Camerata swingt. Regisseur Tom Ryser zieht hier alle Register.

Vertauschte Rollen nach Noten, das ist das grosse Finale. Der erste Geiger bekommt vorgesetzt, was eigentlich der Paukist zu spielen hätte, und dieser hat die Bläserstimmen. Beethoven gerät endgültig ins Durcheinandertal. Dann findet das Orchester den Weg zur Klarheit zurück, und die Musiker rücken ganz nah zur Dirigentin, es ist eine Liebeserklärung. Zum Schluss steht das ganze Orchester in einer Reihe vor dem Publikum, und Ursus und Nadeschkin sind mittendrin. Die ganze Musik ist zu einem Körper geworden. Wunderbar poetisch. Seltsam schön. Kunst eben.

Text: Stefan Buszt / Foto Bernhard Fuchs